Audienz am Fels: Eugen Hüsler im Gespräch

Eugen Hüsler

© Eugen Hüsler

Wer sich mit dem Thema Klettersteige beschäftigt, der stolpert unweigerlich über einen Namen: Eugen E. Hüsler. Der bärtige Schweizer kennt so gut wie jeden Eisenweg der Alpen und gilt als der Entdecker des modernen Klettersteigens. Schon vor einigen Jahrzehnten begann Hüsler über seine Erlebnisse auf den Eisenwegen zu schreiben. Mittlerweile hat er über 100 Klettersteig- und Wanderführer sowie etliche Klettersteig-Bildbände verfasst. Viele davon stehen auch in meinem Bücherregal und helfen mir immer wieder bei der Tourenplanung. Wie er zum Klettersteigen kam und was er heute darüber denkt, das erfahrt Ihr im folgenden Interview.

“Die Ausrüstung war gaga, falls man überhaupt eine hatte…”

Eugen, was machst Du eigentlich im Winter? Wie Du selbst einmal gesagt hast, ist das nicht wirklich Deine Lieblingsjahreszeit…
Nun ja, irgendwann müssen ja die Bücher geschrieben werden. Es sind mittlerweile über hundert, und das geht am besten, wenn’s draußen nässelt oder schneit. Also arbeite ich und warte auf den Frühling. Bei schönem Wetter geht’s natürlich auch im Winter hinaus, viele Weg in unserer Voralpengegend sind ja vorgespurt.

Vergangenen Sommer wurde das 170-jährige Bestehen des ältesten Klettersteigs der Alpen auf dem Dachstein gefeiert. Doch für die Allgemeinheit wurden die Vie ferrate eigentlich erst durch Dich und Deine Bücher so richtig bekannt. Wie bist denn Du eigentlich ans Stahlseil gekommen?
Das war ganz zufällig auf einer Klettertour in den Dolomiten. Wir suchten den Einstieg zu einer Route an der Südlichen Fanisspitze, fanden ihn aber nicht, dafür den Anfang eines Drahtseils, das uns zum Gipfel leitete. Ein Blitzableiter? Damals hatte man in der Schweiz ja noch keine Ahnung, dass es so was wie Klettersteige gab…

Du hast also vor über 44 Jahren Deinen ersten Klettersteig gemacht. Welcher Typ Mensch war denn damals so am Stahlseil unterwegs? Eher der Abenteurer oder auch schon die ein oder andere Familie im Bergurlaub?
Den „Klettersteigler“ gab’s damals noch nicht. Bei den meisten, die am Klettersteig unterwegs waren, handelte es sich um gute Bergsteiger: die Ausrüstung war gaga, falls man überhaupt eine hatte, das alpinistische Können dafür aber ok.

Was macht heute für Dich eine gelungene Klettersteigtour aus?
Mein Ideal-Klettersteig führt in eine faszinierende Felskulisse, wie z.B. in den Dolomiten. Er ist lang und wartet immer wieder mit neuen Bildern, attraktiven Passagen und ähnlichen Überraschungen auf.

© Eugen Hüsler

© Eugen Hüsler

Im Laufe der Jahre wurde der einstige Heizungsinstallateur aus Zürich zum“Klettersteigpapst”. Weißt Du noch, wie es dazu kam und wie stehst du überhaupt zu Deinem Beinamen?
Ich gebe zu: Es war keine ordentliche Wahl, die zum Papst. Irgendwann schrieb mir jemand einen Brief mit der Anrede „Lieber Klettersteigpapst“. Das fand ich irgendwie rührend, und durch meine vielen Publikationen bin ich’s dann wohl auch geworden. Wie man allerdings weiß, können Päpste neuerdings auch zurücktreten, aus Altersgründen…

Wie dick ist eigentlich Dein persönliches Tourenbuch? Oder anders gefragt: Wie viele Klettersteige hast Du auf dem Buckel?
Keine Ahnung, ich hab’s nie gezählt. Aber geschätzte 1500 Klettersteig-Touren dürften es schon gewesen sein.

Mit Deinen Büchern möchtest Du den Menschen die Faszination Klettersteig schon seit Jahrzehnten näherbringen. Wie dachte Eugen Hüsler vor 20 Jahren über Klettersteige und wie sieht er sie heute?
Meine Ansicht zu Klettersteigen hat sich genauso gewandelt wie die Steige selbst: von Begeisterung über diese Alpinismus-Variante zu einer eher skeptischen Sichtweise. Mir gefällt die Hinwendung zum Fun-Parcours mit allerlei Schnickschnack nicht: Hochseilgärten im Fels.

2009 hast Du in Deinem Buch Meine Klettersteig Favoriten Deine persönlichen Lieblinge vorgestellt. Gibt es für Dich einen, der trotzdem alle toppt?
So lässt sich das nicht sagen. Es gibt vielleicht zwei, drei Dutzend Steige, an die ich mich besonders gerne erinnere, allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen. Da war’s ein herrlicher Herbsttag oder ich war richtig gut drauf oder die Route war so toll trassiert oder das Gipfelpanorama einmalig oder, oder.

Mal was ganz anderes: Die Klettersteige in Frankreich sind oft extrem mit Eisen verbohrt und führen an relativ dünnen und losen Drahtseilen entlang. Warum unterscheiden sich die Steige dort eigentlich so von denen der Ostalpen?
Klettersteige wurden in Frankreich sozusagen ein zweites Mal erfunden, als Fun-Parcours, weitgehend ohne Felsberührung und mit minimalem Zustieg. Diese Art von Vie ferrate kam erst spät in die Ostalpen, sozusagen auf dem Rückweg in eine Region, in der es schon lange den „klassischen“ Klettersteig gab.

“Wenn Formel 1 Sport sein soll, dann ist es Klettersteiggehen garantiert auch”

Ich war neulich völlig überladen am Kaiser Max-Klettersteig unterwegs und kam ganz schön ins Schwitzen. Auf welchem Steig warst Du am Ende froh, draußen zu sein?
Lang ist’s her: Bei einer Monstertour am Ponza-Kamm in den Julischen Alpen stieg ich über die völlig vergammelte Via della Vita ab und stand zum Schluss in der Randkluft am Einstieg, meinem Ausstieg. Da war ich dann wirklich froh, als es mir gelang – nach mehreren Versuchen – aus diesem Loch herauszukommen… Nachts um zwei Uhr war ich dann zuhause.

Was ist Klettersteigen für Dich? Eher Hobby oder Sportart?
Wenn Formel 1 Sport sein soll, dann ist es Klettersteiggehen garantiert auch. Für die meisten natürlich ein Hobby, aber ein schönes. Es ist ja kein Zufall, dass Vie ferrate immer beliebter werden.

© Eugen Hüsler

© Eugen Hüsler

Auf Klettersteigen wird es immer voller. Zur Hochsaison quält man sich so manchen Steig im Schneckentempo hinauf, als stünde man am Brennerpass. Wieso sind die Eisenwege so beliebt geworden?
Das mit den vielen „Schnecken“ am Eisen betrifft eigentlich nur Steige mit kurzem Zustieg, also eher die moderne Klettersteiggarten-Variante. An den großen Routen geht’s entschieden ruhiger zu, von ein paar Topsteigen mal abgesehen, z. B. der Via delle Bocchette.

Jetzt habe ich eine Doppelfrage an Dich: Was war Dein schönstes und was Dein schlimmstes Klettersteigerlebnis?
Keine schlimmen Vorkommnisse, aber dafür eines, das sich besonders in mein Gedächtnis eingegraben hat: Als ich vor ein paar Jahren einem alten Mann vermutlich das Leben rettete, weil ich zum richtigen Zeitpunkt genau an der richtigen Stelle stand und ihn nach einem Sturz mit Seilriss festhalten konnte. Schicksal oder Zufall?

“Klettersteige sind nur eine Variante des Alpinismus.”

Stichwort Material: Die Ausrüstung hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich verbessert. Wie stehst Du zum Thema Sicherheit? Was kann das Material und was sollte der Mensch trotzdem immer beachten?
Eine gute Ausrüstung ist wichtig, keine Frage. Sie darf aber nicht zu einem falschen Sicherheitsgefühl verleiten. Dann verkehrt sich der angestrebte Effekt ins Gegenteil. Immer noch am wichtigsten: Das Gespür für Gefahren (Wetter, Steinschlag) und für die eigenen Grenzen. Mit andern Worten: Der Mensch macht’s.

Lass uns zum Abschluss noch kurz in die Zukunft blicken: Mit dem Race the Skywalk am Dachstein gibt es bereits erste Klettersteig-Rennen und in Kandersteg kann man sogar nachts den hell erleuchteten Fels erklimmen. Glaubst Du, das ist der Weg, den das Klettersteigen einschlagen wird oder werden wir uns in Zukunft wieder auf die guten alten Klassiker zurückbesinnen?
Ich bin kein Hellseher. Aber was sich zurzeit in der Szene abspielt bzw. entwickelt, ist nur ein kleiner Spiegel dessen, was uns die Medien tagtäglich suggerieren und ein Brause-Hersteller aus Salzburg auf ekelhaft-perfekte Art und Weise zelebriert: fun, fun, fun…

Eugen Hüsler

© Eugen Hüsler

Ein letztes Wort an alle Klettersteigfreunde, vielleicht ein Tipp vom Papst persönlich?
Klettersteige sind nur eine Variante des Alpinismus. Auch ein simpler Wanderweg kann starke Eindrücke vermitteln oder eine Frühaufstehertour, mit Sonnenaufgang am Gipfel – einmalig. Wie wär’s mit einer Sommernacht oben am Schafreuter, im kuscheligen Schlafsack? Geht übrigens auch zu Zweit.

Vielen Dank, Eugen.

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Ein Gedanke zum Artikel “Audienz am Fels: Eugen Hüsler im Gespräch

  1. […] Garzole. Und dafür gab es auch einen guten Grund: Respekt. Denn sogar für Eugen Hüsler, den wohl bekanntesten Klettersteigler Europas, ist die 1982 erbaute Via Ferrata “ganz klar das Maß aller Dinge in der Region”. Lange […]

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