Der erste Klassiker: Klettern am Monte Albano (D/E)

Monte Albano

Andächtig blicken wir die schroffe Felswand hinauf, die direkt oberhalb des Ortes Mori mehrere hundert Meter in die Höhe ragt. Nur wenn man genau hinsieht, kann man das dünne Stahlseile erkennen, das sich ab und an in der Oktobersonne spiegelt. An diesem brütend heißen Tag im Herbst 2011 steht uns ein echter Klassiker bevor: Unweit von Arco befindet sich die Via attrezzata Monte Albano, der erste und einst schwierigste Sportklettersteig der Alpen. Extrem steil und höllisch ausgesetzt führt der 185 Höhenmeter lange Weg hinauf zum Ausstieg am Gipfelplateau. Dabei bietet die nach Süden gewandte Felswand keinerlei Schutz vor der Sonne, weshalb gerade im Sommer nicht zur Mittagszeit geklettert werden soll. Doch als wir uns den ersten Versicherungen nähern und die Karabiner einklinken, höre ich ganz deutlich die zwölf Schläge der Kirchturmglocken…

Nach einer kurzen Nacht in unserer Ferienwohnung von HouseTrip erreichen wir leicht verschlafen, dennoch hochmotiviert das Städtchen Mori. Es scheint wie ausgestorben, da sich offenbar alle Einwohner zum Schutz vor der Sonne in ihren eigenen vier Wänden verkrümelt haben. Zugegeben, es ist ihnen nicht zu verübeln. Schon am Vormittag steigt das Thermometer in Richtung der 30°-Marke und macht jeden Schritt zur Qual.

Doch die Möglichkeit in einer gut funktionierenden Gruppe den ältesten Sportklettersteig der Alpen zu erklimmen, bietet sich eben nicht jeden Tag. Also schnappen wir unsere Ausrüstung und machen uns auf den Weg durch schmale Gassen und steile Pfade hinauf zum Castel Albano mit seiner riesigen Kirchturmuhr. Kurz hinter einer großen Lichtung führt uns ein schmaler Trampelpfad anschließend unter schattigen Büschen hinweg zum Wandfuß. Wir stehen am Einstieg.


Die ersten Meter – der erste Schweiß

Wie es sich für einen Sportklettersteig gehört, werden wir schon zu Beginn richtig auf die Probe gestellt. Denn um die ersten Versicherungen zu erreichen, müssen erst einmal drei Meter frei geklettert werden. Technisch laut Angaben mit 2+ zwar nur mäßig schwierig, allerdings eben ungesichert. Sowas kann immer blöd ausgehen. Doch schnell erreichen wir das rettende Stahlseil und klettern direkt weiter senkrecht nach oben in eine schattige Nische. Hier sammeln wir uns und müssen eingestehen, dass wir den Zeitpunkt unserer Besteigung nicht wirklich ideal gewählt haben.

Der schöne Vorabend mit Pasta und Rotwein am Zeltplatz in Arco hat seine Spuren hinterlassen und die stechende Mittagshitze tut nun ihr übriges. Doch zum Jammern bleibt keine Zeit. Noch liegt ein Großteil der Route vor, bzw. über uns. Da es auch merklich heißer wird, ist es Zeit aufzubrechen.

Wir erklimmen einen knackigen Überhang und queren anschließend eine glatte Felswand nach rechts, um an den Fuß einer langen und senkrechten Verschneidung zu gelangen. „Dies also wird meine Feuerprobe werden“, denke ich mir. Denn noch nie zuvor habe ich eine knapp 70 m hohe und nahezu senkrechte Felswand bestiegen. Mein Herz pocht bis zum Hals, doch ich zwinge mich ruhig zu bleiben. Noch ist alles in Ordnung.


Der Kampf mit den Ängsten

Monte Albano, MoriBereits 1976 wurden die Trittstifte und Stahlbolzen in die Felswand des Monte Albano geschlagen und an der ein oder anderen Stelle sieht man dem Steig sein Alter auch an. Einzelne Verankerungen wurden notdürftig repariert, einige wenige hatten sich bereits komplett aus dem Fels gelöst und baumelten hoch über dem Boden am Seil.

Die steile Verschneidung ist ein riesiger Kraftakt und schon nach wenigen Höhenmetern bereue ich es, mich am Vorabend nicht schon eher schlafengelegt zu haben. Zwar sind die Trittstifte gut platziert und die Züge zu erahnen, doch das stetige Aufsteigen im senkrechten Fels, ohne die Möglichkeit zu rasten, zehrt schnell an meinen Nerven.

Der speckige Fels ist extrem rutschig und auch die Höhe lässt mich nicht kalt. Ich habe das Gefühl, dass mich die gähnende Leere unter mir mit jedem Schritt stärker anzieht. Höhenangst ist etwas ganz, ganz blödes. Doch ich zwinge mich zur Ruhe, klettere weiter und erreiche völlig durchnässt und leicht zittrig eine schattige Nische oberhalb der Verschneidung. Das wäre geschafft! Ich hole tief Luft und leere in einem Zug fast meine komplette Wasserflasche.


Bodenlos unterwegs

Das erste Drittel des Steigs liegt unter mir. Über mir: weitere tollkühne Kletterstellen am speckigen Fels, darüber die brennende Sonne. Psychische Hürden und Temperaturen weit über 30° Grad stellen mich heute ganz schön auf die Probe. Doch es hilft ja nichts. Da der einzige Notausstieg ca. 70 m unter mir am Fuße der Verschneidung liegt, kommt ein Rückzug nicht in Frage. Nie im Leben würde ich diese senkrechte Wand wieder hinabklettern.

Also folge ich meinen Partnern und komme nur wenige Meter weiter in den Genuss der Traversata degli Angeli, einer der spektakulärsten Traversen die ich kenne. Zwar ist sie relativ kurz, doch dafür wird die hier leicht überhängende Felswand nur auf Eisenstiften gequert. Ein einmaliger Blick über Mori im Vordergrund, unter den Füßen der 100 m tiefe Abgrund.

Der Wind bläst mir kräftig durchs Haar und mein Gleichgewichtssinn scheint einen Wackelkontakt zu haben. „Was zur Hölle mache ich hier?“ denke ich noch, während ich auf den Tritten balanciere und nach einigen adrenalingeschwängerten Metern eine schmale Eisenbrücke erreiche.


Bodenlos fahrlässig
Monte Albano, Mori

Während ich auf der kleinen Brücke kurz verschnaufe, kommen gerade zwei Jugendliche um die Ecke, die langsam zu uns aufschließen. Wir entscheiden uns auf der Brücke zu warten und die beiden passieren zu lassen.

Während die Jungs gerade auf den Eisenstiften balancieren fällt mir auf, dass einer der beiden sein Klettersteigset nicht durch die Einbindeschlaufe am Klettergurt, sondern an einer kleinen Plastikschlinge am Rucksack befestigt hat.

Ich schüttele ungläubig den Kopf, warte aber noch bis die beiden die sichere Brücke erreicht haben. Erst dann weise ich sie auf ihren dummen Fehler hin. Es stellt sich heraus, dass dies ihr erster Klettersteig überhaupt ist und sie keine Ahnung haben, wie man ein Klettersteigset richtig einbindet. Mir verschlägt es fast die Sprache. Schnell binde ich ihre Sets richtig ein und starre ihnen fassungslos nach, als sie an mir vorbeiziehen.


Und noch einmal Höchstleistung

Wir folgen dem Stahlseil weiter aufwärts über ein großes, knapp 150 m langes und bewachsenes Band, bis wir vor einem weiteren Pfeiler stehen. Glücklicherweise wirft dieser einen Schatten in die Verschneidung, was das Klettern für einige Meter etwas erträglicher macht. Oben wartet noch eine glatte, dafür sehr fotogene Plattenquerung, dann stehen wir am Wandbuch. Ab hier ist es nicht mehr weit, dafür aber noch einmal enorm kraftraubend. Knappe 50 m führt das Stahlseil einen senkrechten Kamin hinauf, bevor oben der Ausstieg erreicht ist.

Also mobilisieren wir die verbliebenen Kräfte und steigen in die Abschlusswand ein. Erneut muss ich ziemlich kämpfen. Sowohl körperlich, also auch psychisch. Doch wenig später ist es geschafft. Völlig unvermittelt flacht der Steig ab und endet vor einer modrigen Rastbank an einem unscheinbaren Wanderpfad. Erleichtert, stolz, euphorisch und erschöpft zugleich lasse ich mich auf die Bank fallen und versuche erst einmal, meinen Puls wieder unter Kontrolle zu kriegen, während unten im Tal die Glocken läuten. Diesmal nur dreimal.


Fazit:
Monte Albano, Mori

Der Sportklettersteig Via attrezzata Monte Albano wurde 1976 erbaut und ist der erste Sportklettersteig in den Alpen. Zwar ist der alte Klassiker mit nur knapp 200 m Höhendifferenz nicht gerade der längste, dafür aber der mit Abstand steilste und schwierigste Steig in der Gardaseeregion. Die auch als Mori-Klettersteig bekannte Route wartet nach einem kurzen Zustieg aus dem Tal mit einigen Freikletterpassagen und vielen Vertikalabschnitten im oberen Schwierigkeitsgrad auf.

Da er durch die stark ausgesetzte, nach Süden hin exponierte Wand des Monte Albano führt, lädt der warme Fels ganzjährig zu einer Begehung ein. In den heißen Sommermonaten sollte man jedoch entweder zeitig oder am frühen Abend einsteigen und an ausreichend Flüssigkeit denken. Der Abstieg verläuft wahlweise auf einem Waldpfad oder auf einem durchaus anspruchsvollen Abstiegsklettersteig (C) im östlichen Wandteil. Die Begehung beider Steige ist nichts für den netten Familienausflug, sondern nur versierten Kletterern vorbehalten.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es hier.

 

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6 Gedanken zum Artikel “Der erste Klassiker: Klettern am Monte Albano (D/E)

  1. […] selbstverständlich. (Noch immer bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an ein Erlebnis auf der Via ferrata Monte Albano – einem sehr anspruchsvollen Sportklettersteig in Mori am Gardasee – zurückdenke. In […]

  2. […] bei Mori. Ich selbst war relativ fertig, da ich bei fast 40 Grad in meinem bis dato heftigsten Sportklettersteig hing und gerade die Traverse einer senkrecht abfallenden Felswand hinter mir hatte. Während ich […]

  3. […] ein kleines Klettersteig-Träumchen erfüllt. Neben meiner letzten größeren Herausforderung, der Via attrezzata Monte Albano bei Mori, steht der Schiestl bislang ganz weit oben auf der Liste meiner bisherigen […]

  4. Rebecca sagt:

    Sehr schön geschrieben – das mit den Zwischenüberschriften gefällt mir gut! Schade, dass der Steig mittlerweile gesperrt ist.

    Viele Grüße

    Rebecca

  5. patruckel sagt:

    Stimmt, die Fotoecke! 😀 War ein aufregendes Abenteuer! Zu schade, dass er nun nicht mehr begehbar ist..

  6. Der gute alte Mori. Mein Avatar ist von dort. 🙂

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