Der VAUDE-Schmugglersteig Gargellen (C-D)

VAUDE-Schmugglersteig GargellenWer hat es nicht schon einmal erlebt? Ein sichtlich erschöpfter Kletterer nähert sich einem anspruchsvollen Steigabschnitt. Am besten auch noch im Hochsommer, zur Mittagszeit, bei gleißender Hitze. Die Wasservorräte sind aufgebraucht und der Körper lechzt nach Energie. Doch erst müssen noch einige steile und ausgesetzte Passagen überwunden werden, ehe die nächste Hütte lockt. Im Steig gibt es kein Zurück. Der Blick schweift nach unten, der Puls steigt und Panik kommt auf. Völlige Erschöpfung, nichts geht mehr.

Genau solche Vorfälle passieren derzeit zuhauf in den Klettersteigen der Alpen. Selbstüberschätzung, mangelnde Vorbereitung, Unwissenheit und schlechte Fitness sind Gründe, warum die Bergwacht immer häufiger in Richtung Klettersteig ausrücken muss. Doch all das wäre gar nicht nötig, würden die Betroffenen und deren Begleiter über das entsprechende Wissen verfügen. Und, ganz ehrlich: Viel ist es nicht, was man braucht, um sicher durch den Steig zu kommen. Aber die dadurch gewonnene Sicherheit ist viel wert. Doch der Reihe nach.

Ganz gemütlich

Nachdem uns am Vortag die Besteigung des Saulakopfs gelang, ließen wir es am Sonntag etwas ruhiger angehen. Der Wecker klingelte nicht ganz so zeitig, das Frühstück wurde etwas ausgiebiger genossen und es blieb sogar noch Zeit dazu, den ein oder anderen Testartikel auszuleihen und den Tag über auszuprobieren. Nachdem die Lunchpakete verteilt waren, ging es vom Hotel Alpenrose zu Fuß durch den Ort und hinüber zur Talstation der Bergbahn Gargellen. Heute stand der VAUDE Schmugglersteig auf dem Programm, ein in der D-Variante knapp 500 m langer Steig, der dem Ostgrat der Gargellner Köpfe folgt und auf den 2559 m hohen Gipfel führt. Also ging es mit der Gondel hinauf zur Bergstation auf  2130 m und nach kurzer Einweisung und Tourenplanung machten wir uns an den knapp 45-minütigen Zustieg. Blauer Himmel, angenehme 18 Grad, kaum Wind, perfekt.

VAUDE-Schmugglersteig GargellenAuf Schmugglers Spuren

Jahrhunderte lang führte ein viel begangener Saumweg von Gargellen über das Schlappinerjoch nach Graubünden in der Schweiz und weiter nach Italien. Dieser Weg diente hauptsächlich dem Transport von Waren, wie z.B. Wein oder Getreide. Der Handel entlang der Grenze wurde von den in Gargellen stationierten Zöllnern überwacht, um ein unkontrolliertes Handeln – den Schmuggel – zu unterbinden. Dennoch wurde wohl so mancher Bewohner des Montafon von Armut und Not zum Schmuggeln verführt.

In Anlehnung an die Vergangeheit erhielt der Eisenweg also seinen Namen: Schmugglersteig. Direkt vom Einstieg aus geht es relativ anspruchsvoll los, obwohl die Schwierigkeitsangaben mit B eher einen seichten Einstieg versprachen. Über einige stufige Felsen führt die Route zu einem größeren Absatz unter einer steilen Plattenwand, an der sie sich teilt. Die etwas leichtere Route (C) führt hier die glatte Wand hinauf, während die schwierigere D-Variante diese kurz quert, um dann über zwei aufeinander folgende Seilbrücken zur sehr steilen Schmugglerwand (D) zu leiten. Wir entschieden uns für die anspruchsvollere und gleichzeitig fotogenere Variante, die nach einigen kräftezehrenden Stellen den Grat erreicht, wo sie wieder auf die Normalvariante trifft.

Klettertechnisch folgt nun nichts Schwieriges mehr, was gut ist, denn so bleibt etwas mehr Zeit, um die fantastische Aussicht zu genießen. Die gesamte Route ist extrem aussichtsreich, doch gerade die Passage über den schmalen Ostgrat erlaubt eindrucksvolle Blicke in den Verwall, den Rätikon und die Silvretta. Lediglich die Kristallwand, ein steiler Aufschwung kurz vor dem Gipfel, stellte noch eine kleine Herausforderung dar, dann hatten wir es aber auch schon geschafft und standen wenig später unterm Gipfelkreuz. Dort gab es dann ein kurzes Gipfelvesper und ein spektakuläres 360-Grad-Panorama gleich kostenlos dazu. Eine schroffe, hochalpine Bergwelt mit majestätischen Gipfeln, weit oberhalb der Baumgrenze. Einfach gigantisch.

Gehört in jeden Klettersteig-Rucksack: 10m-Dynamikseil

Schmugglersteig auf die Gargellner Köpfe (2482 m)Der zweite Teil des Tages stand für uns ganz im Zeichen von “Seiltechnik am Klettersteig”. Nachdem wir den versicherten – und gar nicht mal so leichten – Abstieg auf dem Grat hinter uns gebracht hatten, hielten wir an einigen Lawinenverbauungen an, um – unter Anleitung unseres Bergführers – das richtige Nachsichern von Kletterern im Klettersteig zu üben. Ich will nicht ins Detail gehen, nur soviel: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um einen erschöpften, geschwächten oder auch nur verunsicherten Kletterer ans Seil zu nehmen und sicher auch steile Aufschwünge eines Steigs hinauf- bzw. hinabzuführen.

Ob mit ATC-Guide, Tube, Grigri, Eddy, Tiblock oder einem stinknormalen HMS-Karabiner ist eigentlich wurscht. Was man auf alle Fälle braucht, ist ein mindestens 10 m langes Dynamikseil. Unser Bergführer empfahl auch längere Seile bis 20 m, doch aus ganz pragmatischen Gründen (Platz im Rucksack, Gewicht) bevorzuge ich die kürzere Variante. Der Nachteil liegt lediglich darin, dass bei längeren Passagen eben öfter der Stand gewechselt werden muss und somit der Faktor Zeit eine größere Rolle einnimmt. Dazu kommen eigentlich nur noch zwei kurze Bandschlingen – eine zur Selbstsicherung an Umlenkern oder Bohrhaken, die zweite zur Einbindung eines HMS-Karabiners.

Durch diesen führt man das eine Seilende per Halbmastwurf, das zweite wird per Achterknoten im Klettergurt des zu Sichernden fixiert. Et voilá, fertig ist die einfachste Nachsicherungsmethode am Klettersteig. Hat man noch einen weiteren Karabiner und eine kurze Reepschnur im Gepäck, lässt sich per Prusik auch noch ein rudimentärer Flaschenzug bauen. Das kann hilfreich sein, falls bei dem zu Sichernden gar nichts mehr geht und er förmlich die Wand hinauf gezogen werden muss. Mit Tube, Guide oder Eddy lässt sich dann sogar noch eine Rücklaufsicherung einbauen, was die Sicherheit natürlich noch weiter erhöht. Diesbezüglich noch eine wichtige Anmerkung: Wer andere Kletterer sichert, kommt in einen juristischen Grenzbereich, falls etwas passiert. Ganz wichtig ist daher, dass man die zu sichernde Person darauf hinweist, trotz Seilsicherung ganz normal weiter zu klettern und die Karabiner des Klettersteig-Sets immer einzuhängen. Die Seilsicherung ist somit nur eine zusätzliche Schutzmaßnahme und gibt eine gewisse Redundanz.

Fazit:

Der Schmugglersteig auf die Gargellner Köpfe ist ein richtiger Abenteuer-Steig, der Klettersteig-Liebhaber jeden Alters beeindrucken wird. Er ist Kein Fun-Park und auch kein Sportklettersteig, das wären wahrlich die falschen Begriffe. Doch mit seinen beiden Hängebrücken und der 30 m senkrecht aufsteigenden “Schmugglerwand” bietet er einige abenteuerliche Passagen, ohne dabei zu künstlich zu wirken. Lediglich 100 Trittklammern wurden entlang der 900 m langen Stahlseile verbaut. Die eigentlichen Highlights des Steigs sind sowieso die geniale Wegführung und die atemberaubende Aussicht entlang des gesamten Verlaufs. Dank der Nähe zur Gondelstation kann es an heißen Sommertagen allerdings schon einmal voller werden und der ein oder andere Stau entstehen. Also lieber zeitig raus, hoch und Spaß haben.

Und noch ein paar abschließende Worte zum Thema Seilsicherung: Obwohl man in der Via ferrata bekanntlich immer gesichert ist – sofern man sein Set auch verantwortungsbewusst einsetzt –  gibt es diese Momente, in denen man sich wünschen würde, am “richtigen” Seil zu hängen. Wer oft klettert, der erlebt schon das ein oder andere Abenteuer in der Wand. Und das Wissen, um Jemandem in brenzligen Situationen durch eine Seilsicherung unterstützend zur Seite stehen zu können, das habe ich jetzt. Und darüber bin ich wirklich sehr froh.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte.

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