Die Nebelschlacht an der Tajakante (D/E)

Tajakante Klettersteig Das Wetter in den Bergen ist unberechenbar. Wir alle wissen das. Wer im Morgengrauen bei strahlendem Sonnenschein aufbricht, muss am Ende des Tages noch lange nicht trockenen Hauptes ans Ziel kommen. Gleiches gilt für die Länge einer Tour. Wer einen langen alpinen Steig geht, muss diesen auch nicht zwingend in der im Führer angegebenen Zeit meistern. Da kann es schon einmal länger dauern. Für uns wurde am Sonntag aus Sonnenschein erst Nebel, dann Niesel- und letzten Endes stetig prasselnder Dauerregen. Aus acht geplanten Stunden wurden vierzehn. Die Besteigung des Vorderen Tajakopfs (2450 m) war ein Erlebnis der besonderen Art.

Zwar genossen wir an den vergangenen Tagen am Wilden Kaiser noch sprichwörtliches Kaiserwetter, gegen Ende der Woche wurde es jedoch unbeständig und kühler. Am Kaiser sollte das Sonnwendfeuer abgeblasen werden, weshalb wir früher als geplant über den Fernpass in Richtung Heimat reisten. Spontan beschlossen wir dann auf dem Weg, die schönen Tage in Österreich mit der ersten langen Klettersteig-Bergtour des Jahres zu beschließen. Nach langem Rätseln fiel die Wahl schlussendlich auf den Vorderen Tajakopf in der Mieminger Kette der Zugspitz-Arena. Der Berg schien nahezu ideal. In den letzten Tagen hatten wir uns gut eingelaufen, die Wetterprognose für Sonntag sah vielversprechend aus und – last but not least – führt mit dem Tajakante-Klettersteig eine lange und anspruchsvolle Via ferrata auf den Gipfel des 2450 m hohen Felsriesen. Die Tour versprach den perfekten Ausklang unseres Kurztrips durch Tirol und so hielten wir Kurs auf Ehrwald, wo wir ein ruhiges Plätzchen für die Nacht fanden.

Sonnwendfeuer – wenn die Berge brennen

Da wir bereits um fünf Uhr morgends aufbrechen wollten, legten wir uns zeitig schlafen. Doch kurz vorm Wegdämmern begann um uns herum ein eindrucksvolles, unvergessliches Spektakel. Erst ließen die letzten Sonnenstrahlen des längsten Tages im Jahr die Felsen der umliegenden Berge in blutrotem Glanz erscheinen, dann begannen die Gipfel sogar zu brennen. Traditionell in der kürzesten Nacht des Jahres steigen in Tirol meist jugendliche Bergsteiger, schwer bepackt mit Holz und Fackeln, auf die Gipfel ihrer Heimatberge, um dort zahlreiche Feuerstellen zu legen. Am Abend dann werden diese gezündet, um den Sommer zu begrüßen. Und so sahen wir uns von einem gleißendes Flammenmeer umgeben. Lange Lichterketten zogen über die Bergkämme von Rauhem Kopf, Tajaspitze und der hinter uns liegenden Zugspitze. Da war er, einer dieser perfekten Momente.

Auf zur Brettljause

Der Hohe Gang-Steig zum TajatörlNach dem abendlichen Feuerspiel gönnten wir uns doch noch eine Mütze Schlaf und brachen erst um sechs Uhr auf. Auch so würde uns noch genug Zeit bleiben, um am Nachmittag wieder zuhause zu sein. Dachten wir. Entspannt ging es erst auf schmalen Pfaden durchs feuchte Morgengras und in den gerade erwachenden Wald. Doch schnell wurde das Gelände steiler und die ersten Schweißperlen kullerten. Über den Hohen Gang-Steig – ein aufgrund seiner kühnen Wegführung und den tollen Aussichtspunkten hochgelobter Pfad – ging es in Richtung Tajatörl.

Steil aber beeindruckend schön schlängelt sich der stufige Pfad die schroffe Schulter des Rauhen Kopfs (1580 m) bis ans Ufer des kristallklaren Seebensees hinauf. Als wir um kurz nach acht bei morgendlichem Vogelgezwitscher und strahlendem Sonnenschein durch Blumenwiesen auf das Ufer zuliefen, fühlten wir uns fast wie in Kanada. Die Griesspitzen spiegelten sich im kristallklaren Wasser und die Coburger Hütte lag friedlich oberhalb des Sees auf einer kleinen Anhöhe. Wenig später wurde dort auch gleich einmal eine zünftige Brettljause bestellt und die uns bevorstehende Route des langen Klettersteigs auf die knapp 600 Meter über unsere Köpfe aufragende Felskuppel studiert. Vereinzelt umhüllten Wolken den Gipfel, aber noch hatte die Sonne alle Karten in der Hand. Es konnte losgehen.

Vom Paradies in die Tristesse

Der Drachensee am TajatörlWir ließen die Coburger Hütte hinter uns und liefen hinunter zum Drachensee, von dort aus weiter über einige steile Schneefelder zum Einstieg. Entlang eines Grats führt das Stahlseil den Fels hinauf und erlaubt von dort schon nach kurzer Zeit großartige Tiefblicke. Die kühne Routenführung beeindruckte uns sehr. Erst sehr weit oben verschwand der Stahl in den immer dichter werdenden Wolken. Die ersten Aufschwünge meisterten wir mit Bravour, nur an einigen Stellen musste ich Lisa mental unterstützen. Sie ist eine klassische Genuss-Klettersteigerin, die viel Wert auf aussichtsreiche Routen mit schöner Wegführung legt. In C-Steigen fühlt sie sich pudelwohl.

Herausforderungen in höheren Schwierigkeitsbereichen lassen sie normalerweise kalt. Heute war es aber anders, denn auch sie musste sich an einigen D-Passagen beweisen, was sie – zwar mit deutlich erhöhtem Puls – aber mit großer Bravour auch meisterte. Nach einer halben Stunde Kletterei wurden die Wolken dichter und erschwerten eine genaue Orientierung- Zum Glück wies das robuste Stahlseil den Weg und schlängelt sich zielstrebig den stufigen Fels hinauf. Auch, wenn es sich nach wenigen Metern im matten Grau verlor, verirren konnten wir uns nicht. Und so erreichten wir nach vielen langen und einsamen Stunden im nie enden wollenden Steig das Gipfelkreuz. Hunger, Durst und Müdigkeit quälten uns und die vereinzelt fallenden Regentropfen sorgten nicht unbedingt für heitere Stimmung. Nichts wie runter.

Vom Kletteraffe zum Wassermann

Tajakante KlettersteigSchnell wurde aus leichtem Nieseln ein fieser Dauerregen, der den anspruchsvollen Abstieg über steile Schnee- und Geröllfelder nicht gerade erleichterte. Eigentlich wollten wir über das Brendlkar nach Ehrwald zurückkehren, doch da uns komplett die Sicht genommen war, wählten wir den einfacheren Weg über die Coburger Hütte. Dort wärmten wir uns bei heißer Schokolade und einem Stück hausgemachtem Apfelstrudel auf, bevor wir uns an den langen Abstiegsmarsch auf dem Fahrweg ins Tal machen mussten.

Mittlerweile regnete es konstant in Strömen und die rutschigen Wurzeln und glatten Steine auf dem Hohen Gang-Steig wären ein unverantwortliches Risiko gewesen. Gleichzeitig hieß das jedoch auch, dass wir einen großen Bogen bis zur Bergstation zu laufen hatten. Da diese auch noch längst geschlossen hatte, mussten wir noch einmal einige hundert Höhenmeter weiter hinunter in Richtung Ehrwald wandern. Als wir letztendlich bis auf die Unterhose durchnässt am Auto ankamen waren wir heilfroh, dass diese Tor-(Tour) ein Ende hatte.

Die Uhr sprach 19:45. Nach 13,5 Stunden hatten wir endlich unser Ziel erreicht. Frierend, hungrig, nass und müde. Zurück in Kempten schliefen wir beide noch während des Essens ein. Doch die Eindrücke dieses langen, anstrengenden, grauen, nassen, aber absolut genialen Tages bleiben uns ewig erhalten.

Fazit:

Gipfel Vordere TajaspitzeIn der Literatur wird die lange Ferrata als anspruchsvolle alpine Tour beschrieben, die mit grandiosen Ausblicken auf das Tajatörl und das majestätische Zugspitzmassiv besticht. Ersteres können wir absolut bestätigen, die Tour ist wirklich sehr knackig. Zwar gibt es immer wieder Abschnitte im leichten B-Gelände, die meiste Zeit jedoch führt der Steig im oberen C-Bereich in Richtung Gipfel. Immer wieder gilt es kurze, aber ziemlich steile D-Aufschwünge zu meistern. Eine klassische D/E-Passage fehlt. Die hohe Gesamtschwierigkeit entstammt eher der Länge dieser alpinen Route.

Über die grandiose Aussicht können wir leider wenig sagen, doch bestimmt zählt diese Tour nicht umsonst zu den auch landschaftlich schönsten Klettersteigrunden Österreichs. Erfahrene Klettersteiger, die über Trittsicherheit, Kondition, Ausdauer und alpine Erfahrung verfügen, werden hier einen unvergesslichen Klettersteigtag erleben. Alle Anderen sollten es – der eigenen Sicherheit wegen – bei einer Wanderung auf die Coburger Hütte belassen.

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Ein Gedanke zum Artikel “Die Nebelschlacht an der Tajakante (D/E)

  1. […] habe ja schon so einiges erlebt am Klettersteig: lange Mehrtagestouren, 13-stündige Gipfelbesteigungen bei Nebel oder auch feuchtfröhliche Klammklettereien in Frankreich. Hoch hinaus ging es dabei fast immer und […]

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