Die Seele baumeln lassen: am historischen Klettersteig Pinut (A/B)

Klettersteig PinutDie Bergsaison 2013 neigt sich so langsam dem Ende zu und noch immer stehen zahlreiche Projekte auf meiner To Do-Liste. Der Pinut war eigentlich nicht dabei, doch beim Recherchieren stolperte ich schon so oft über den historischen Steig mit seinen ausgesetzten Stahlleitern, dass ich so langsam das Gefühl bekam, hier würde irgendjemand mit Zaunpfählen winken. Na gut, dann eben Pinut.

Wetter und Konstellation passten vergangenes Wochenende bestens, um dem ältesten Klettersteig der Schweiz einen Besuch abzustatten. Und was soll ich sagen? Es muss nicht immer “höher, schneller, weiter” sein. Der leichte Steig auf den Flimserstein beeindruckt mit Panorama, Tiefblick und einer originellen Wegführung. Eine perfekte Tour, um die Seele baumeln zu lassen.

Nördlich der Ortschaft Flims in Graubünden thront der Flimserstein (2679 m), ein mächtiges Hochplateau, dessen Südwände fast senkrecht zum Dorf Fidaz abfallen. Darauf liegt der Pinut, eine saftig grüne Wiese, die viele hundert Jahre landwirtschaftlich genutzt wurde. Hinauf kamen die Bauern damals nur über einen gefährlichen Felsenweg, wobei sie viel riskierten für die harte Arbeit mit doch recht dürftiger Ausbeute. Gerade einmal eine Kuh konnte von der Pinut-Ernte überwintern.

Als Anfang des 19. Jahrhunderts dann der Tourismus die Schweizer Bergwelt erreichte, entschloss sich der damalige Besitzer der Wiese, Christian Meiler, einen spektakulären Höhensteig anzulegen, um den Gästen ein abenteuerliches Wandervergnügen bieten zu können. Die Kriege des 20. Jahrhunderts ließen den wagemutigen Steig in Vergessenheit geraten und so verfiel er zunehmend, bis er im Sommer 2007 nach großangelegten Renovierungsarbeiten aus seinem Dornröschenschlaf geküsst wurde.

Franken? Ah richtig, wir sind im Ausland.
Nach gut zweistündiger Anfahrt aus Ravensburg “parkierten” wir erst einmal im Parkhaus der Bergbahn in Flims und marschierten zur nahegelegenen Bushaltestelle. Von dort wollten wir mit dem kostenlosen Shuttlebus hinauf ins Dörfchen Fidaz fahren und dann weiter zum Einstieg laufen. Doch schon nach 100 m Marsch kam unsere Planung durcheinander: Erst einmal gab es lange Gesichter, als der Busfahrer für die Fahrt dann doch 3,50 Franken pro Nase haben wollte, und noch länger wurden sie dann als uns klar wurde, dass wir nicht mehr genug Schweizer Franken für die Hütteneinkehr hatten. Kein Gipfelbier? Naja, was soll’s, wir hatten genug Proviant dabei und vielleicht würde sich da oben doch wer erbarmen und auch Euros akzeptieren. Hach, diese Schweizer…

Klettersteig PinutViele Kurven später spuckte uns der Bus direkt am Zustiegsweg aus. Hinter uns das grüne weite Tal, vor uns die mächtigen Steilabbrüche des Flimserstein. Vorfreudig ging es bei strahlendem Sonnenschein durch lichten Wald und über noch immer saftige Wiesen bergauf in Richtung Einstieg. Knapp dreißig Minuten benötigten wir für diesen kurzweiligen Traumpfad, auf dem wir doch etwas ins Schwitzen gerieten.

Das allerdings lag an unserer Garderobe, mit der wir eher für schlimme Schneestürme gewappnet waren, als für eine spätsommerliche Genusstour. Aber na gut. So gab es eben den ein oder anderen kurzen Boxenstopp, bei dem mehr und mehr Klamotten in die Rucksäcke wanderten. Als wir dann auf Betriebstemperatur heruntergekühlt waren, standen wir bereits am Einstieg am “Meilerstein”, einer der Felswand vorgelagerten, markanten Felsnadel, und legten unsere Ausrüstung an.

Klettersteig PinutStufe um Stufe und Schritt für Schritt
Zu Beginn kletterten wir eine Art Hühnerleiter auf den ersten Absatz hinauf, von wo aus vier massive Eisenleitern auf den ersten Quergang führten. Dieser schlängelt sich zwischen Felswand und dem mächtigen Meilerstein hindurch und eröffnet dabei interessante Perspektiven und tolle Fotospots. Bis hierher wurde der Steigabschnitt 2007 aus Sicherheitsgründen neu angelegt, da die alte Route in einer steinschlaggefährdeten Rinne verlief.

Die alten Leitern sind aber zum Teil noch da und sehen sogar noch recht passabel aus. Hinter einer engen Rechtskurve gelangten wir über einige Leitern in den Fels hinein und stiegen durch einen kleinen Stollen hindurch. Schon vor einhundert Jahren wandelten hier die Gäste und erfreuten sich an der tollen innerirdischen Wegführung.

Klettersteig PinutNach wenigen Metern waren wir allerdings schon wieder am Tageslicht, kletterten vier weitere Treppen hinauf und erreichten den Pinut-Absatz, die erste der beiden vorgelagerten Terrassen unterhalb des Hochplateaus. Wir genossen die Aussicht auf das gegenüberliegende Oberhorn (2796 m) und machten eine kurze Rast, ehe wir durch den schattigen Wald zum zweiten Wandstück marschierten. Hier galt es noch einmal gut 70 Höhenmeter auf massiven Stahltreppen aufzusteigen, bis wir den zweiten Absatz, den Pardatsch, erreichten.

Nach einem steilen Aufstieg auf einem schmalen Waldpfad standen wir wenig später bereits vor der letzten kurzen Wandstufe des Klettersteigs. Noch einmal galt es drei Leitern zu erklimmen und anschließend einigen kurzen Versicherungen zu folgen. Dann hatten wir es schon geschafft, standen am Ausstieg und signierten das Steigbuch.

Klettersteig PinutDie wilden Hühner vom Pinut
Den historischen Klettersteig hatten wir nun zwar hinter uns gebracht, doch die namensgebende Wiese lag noch vor uns. Auf schmalen Pfaden liefen wir durch das grüne Gras des geneigten Hochplateaus und steuerten auf die Bergstation Servetsch Pinut auf 2054 m zu. Wir waren schon ganz gespannt, ob der Hüttenwirt für ein leckeres Bierchen auch unsere Euro-Münzen annehmen würde, doch es kam wieder anders als gedacht.

Anstelle eines alten bärtigen Almöhis empfingen uns lediglich drei freche Hühner und ein kleines Kätzchen. Die Station selber war verschlossen. Lediglich die kleine Berghütte – ein historisches Selbstbedienungs-Restaurant – war geöffnet. Da strahlten wir wieder, dachten uns “Geld ist Geld”, warfen ein halbes Dutzend Euro-Münzen in die Kasse und genossen zwei kühle Panaché vor bestem Bergpanorama.

Klettersteig PinutAber ein jedes Gipfelglück hat auch sein Ende und so machten wir uns eine Stunde später an den langen Abstieg. Zwar fährt von Bargis aus der Bus hinunter bis nach Flims, doch waren wir ja mittlerweile mittellos und uns blieb nichts anderes übrig, als den kompletten Weg zu marschieren. Zu Beginn führt der Abstieg noch in Richtung des beeidruckenden Piz Sax (2795 m), anschließend – eher zäh – auf dem Flimser Höhenweg durch dichten Wald zurück in Richtung Flims. Nach knapp sieben gemütlichen Stunden waren wir wieder am Auto und fuhren müde, glücklich, befreit und entspannt nach Hause.

Fazit:
Der historische Klettersteig Pinut ist ein sehr leichter Klettersteig vor traumhafter Hochgebirgs-Kulisse. Gerade für Klettersteig-Neulinge bietet sich diese Via Ferrata ideal an. Der gesamte Steig ist sehr leicht begehbar, ähnelt oft eher einem anspruchsvolleren Wanderweg und ist nie schwerer als B. Allerdings sollte man schon unerschrocken sein, wenn es um Höhe geht. Gerade der erste Abschnitt bis hinauf zum Pinut-Absatz ist sehr exponiert und lässt oftmals tief blicken. Wer dazu noch trittsicher ist, dem kann auf diesem Klettersteig aber relativ wenig passieren.

Die gesamte Route ist erstklassig versichert und wird regelmäßig gewartet. Reizvoll ist der Klettersteig allemal. Gerade seine Geschichte, das umwerfende Bergpanorama und die schöne Wiese mit der urigen Selbstbedienungs-Hütte machen den Pinut zu einem empfehlenswerten Ziel für alle Bergfreunde.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es wie immer auch auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte.

markiert , , , , , , , , , , ,

2 Gedanken zum Artikel “Die Seele baumeln lassen: am historischen Klettersteig Pinut (A/B)

  1. bergkraxler7 sagt:

    schöner Klettersteig nur ein wenig weit weg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen