Ein Tag am Pidinger Klettersteig (D)

Pidinger Klettersteig - Patruckel.com (15)“Der Pidinger Klettersteig steht vor dem Aus!” Diese Meldung ereilte mich vor einigen Wochen und ließ mich sogleich nostalgisch zurückdenken an einen ziemlich langen, aber außerordentlich gelungenen Klettersteigtag im Berchtesgadener Land. Mit dem besten Freund im Gepäck hieß es vor einigen Jahren: früh aus den Federn, Schuhe schnüren, Rucksack packen und nichts wie hinauf. Der Pidinger stand auf dem Programm. Endlich. Denn eine Besteigung der langen Ferrara mit 800 Klettermetern und insgesamt fast 1400 Höhenmetern war schon lange geplant. In Anbetracht seines möglichen Endes: Eine kurze Revue.

Gähnend und mit noch kleinen Augen erreichten wir den Zustiegsparkplatz nahe Urwies, unterhalb der Nordwand des Hochstaufen (1771 m). Zwar war die Anfahrt vom schönen Auhaus in Bad Reichenhall nur ein kleiner Katzensprung, trotzdem glänzten wir an jenem Morgen mit einer zünftigen Sonnenallergie. Am Parkplatz verflog diese dann allerdings recht flott. Hätte auch nix genutzt, es galt schließlich laut Beschreibung mindestens sieben Stunden zu kraxeln und zu klettern. Schlechte Laune hat da nix verloren und überhaupt: Was kann es schöneres geben, als mit Freunden eine lange Bergtour bei Kaiserwetter anzugehen? Gute Laune-Modus ON.

Hatschen bis zum Einstieg

Vom Parkplatz aus folgten wir dem schmalen Forstweg in Richtung Steiner Alm, der anfangs gemächlich, später jedoch immer steiler wurde. Da wir zu der Zeit beide noch kräftig am geocachen waren, zögerte sich unser Zustieg ein wenig hinaus und wir brauchten deutlich länger als gedacht. Machte aber Spaß und war uns daher total egal. So sparten wir wenigstens ein bisschen Kraft für den langen Drahtseilakt, der noch auf uns warten sollte. Zwischen der Maier und der Steiner Alm liefen wir erst links, später dann noch einmal und erreichten das letzte, dafür äußerst steile Zustiegsstück direkt unterhalb der Nordabbrüche. Eindrucksvoll hing die steile Wand über unseren Köpfen, darunter ein knapp hundert Meter langes und nicht unbedenkliches Eisfeld. Schon wuchs der gebührende Respekt wieder ein wenig an – Steigeisen hatten wir keine dabei. Ausrutschen verboten.

Frühe Mutprobe für Greenhorns

Das anfangs scheinbar so harmlose Eisfeld war am oberen Ende stellenweise sogar noch mehrere Meter dick. Das zeigte sich eindrucksvoll am Einstieg, der hoffnungslos unter dem Pidinger Klettersteig - Patruckel.com (8)tonnenschweren Eis begraben lag. So mussten wir einige Meter weiter oben einsteigen, wo das Stahlseil aus dem Eis lugte. Sogleich waren wir mitten drin im Klettern und erklommen nacheinander die ausgesetzte Einstiegswand, die ohne Zweifel gleich eine der größeren Hürden des Steigs, zumindest des ersten Teils, darstellt. Knapp 30 Meter geht es da senkrecht hinauf, bevor das Gelände leicht abflacht. Anschließend folgten wir einem schrofigen Grat mit einigen kleineren Steilstufen, bis wir an einem Punkt das große Schuttfeld querten und den Steigspuren unversichert bis zum Ende des ersten Abschnitts folgten. Zwischenfazit: Weg: machbar, Wetter: erste Sahne, Stimmung: top. Weiter ging’s.

 

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Steile Wände, hohe Pfeiler

Nach einer kurzen Pfefferbeiser-Pause ging es in den zweiten Abschnitt des Klettersteigs. Dieser beginnt gleich mit einem Paukenschlag in Form mehrerer C- und C/D-Stellen, die den vorgelagerten Pfeiler hinauf führen. Anschließend querten wir ein kurzes Stück nach rechts und schon standen wir vor unserer nächsten Aufgabe: Steilwand Nummer zwei. Oberhalb führt die Route dann erst in eine Rinne, später über einen schmalen Blockgrat und einen weiteren Pfeiler. Dann erst ist wieder Zeit für Entspannung angesagt. Eine lange Querung nach links führt erst über kleinere und auch recht leichte Steilstufen wieder ein Stückchen bergab in eine weitere Rinne, dann wieder aufwärts und über einige glatte Platten in einen großen Schuttkessel. Kräftemäßig hatten wir alles im Griff und auch die Psyche spielte bis dato absolut mit. Unterhalb des Schuttkessels stieg der Puls dann kurzzeitig noch einmal richtig an, als wir unsere Blicke auf den vor uns liegenden dritten und letzten Teil richteten. In der steilen Schlusswand hingen – vielleicht auf halber Strecke – zwei kleine, völlig verloren wirkende – Punkte. Zwei Kletterer in großer Höhe mit etlichen Metern Luft unterm Allerwertesten. Und schon gingen die Psychospielchen wieder los.

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Höhenangst, schleich dich gefälligst!

Wer das Gefühl der Höhenangst kennt, der weiß was ich meine. Allerdings ist es bei mir weniger die Angst davor in großer Höhe zu klettern, als die Angst schnell an Höhe zu verlieren. Angst vor dem Fallen, quasi. Das Gefühl der Hilflosigkeit, das Kribbeln im Bauch, das man vom Achterbahn fahren oder dem Sprung vom Zehner her kennt. Das ist es, wovor es mir beim Klettern graust. Seltsam, wie irrational das eigentlich ist. Weiß man doch eigentlich, dass man gut gesichert ist. Naja, was soll’s, Ablenkung tut in solchen Situationen meistens ganz gut. Am besten man klettert stur und konzentriert weiter. Gesagt, getan. Und schon klinkten wir unsere Karabiner wieder ins Stahlseil ein.

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Leichter als gedacht, aber auch langsamer

Das letzte Stück war noch einmal ein richtiger Kraftakt. Technisch war es nicht einmal allzu schwer, nicht wesentlich heftiger als der zweite Teil. Allerdings hatten wir schon einige Meter in den Knochen, Kondition und Kraft gingen so langsam zur Neige. Irrwitzigerweise war es genau dort, dass uns eine Mittfünfzigerin in Sportschuhen und ohne Gurt und Klettersteig-Set in Trailrunning-Tempo überholte. Uns blieb fast die Sprache weg. Einerseits, weil wir über ihre Fitness staunten, andererseits weil wir das zu diesem Zeitpunkt für grob unverantwortlich hießen. Mittlerweile denke ich anders über dieses Erlebnis. Erstens, weil sie die nötige Erfahrung mitbrachte (Wir trafen die Dame am Abstieg wieder, wobei sie uns erzählte, dass sie den Steig mindestens 60 mal im Jahr laufen würde um fit zu bleiben) und zweitens, weil ich so etwas mittlerweile schon dutzende Male erlebt habe. Die Einheimischen wissen halt, was sie tun. Und wenn’s mal schief geht, dann war’s das eben. Ende der Fahnenstange. Da lässt sich keiner reinreden.

Wir ließen sie also passieren und erklommen weiter in unserem Tempo die vielen glatten und auch trittlosen Passagen, traversierten mal hier, mal da und kämpften uns Stück für Stück die sehr ausgesetzte und luftige Felswand hinauf. Kurz unterhalb des Ausstiegs signierten wir noch kurz das Steigbuch, dann folgten wir dem Gipfelgrat bis hinauf auf das weite Plateau des Hochstaufen. Gut fünfeinhalb Stunden nach unserem Aufbruch am Parkplatz hatten wir es geschafft. Bei strahlendem Sonnenschein und klarster Sicht saßen wir wenig später kurz unterhalb des Gipfels auf der Terrasse des Reichenhaller Hauses und genossen den Blick hinüber ins benachbarte Salzburger Land, nach Berchtesgaden und zum Watzmann. Eine geile Bergtour war’s allemal. Und auf die stießen wir nun an. Mehrmals. Und dann folgte der lange Abstieg…

Fazit:

Pidinger Klettersteig - Patruckel.com (4)Der steile und stellenweise auch sehr luftige Pidinger Klettersteig ist eine erst 2003 errichtete Alpin-Ferrata der Extraklasse. Der lange, aber schöne Zustieg sowie die sehr gut angelegte Route durch die Nordabbrüche des Hochstaufen machen den Klettersteig zu einer sehr empfehlenswerten Tagestour für erfahrene Bergfreunde. Für schwächere Geher und Kinder ist er hingegen nur bedingt empfehlenswert. Glatte Platten, Tiefblicke und auch feucht-rutschige Passagen im unteren Bereich machen die Kletterei nicht gerade einsteigerfreundlich. Außerdem wird eine gute Grundkondition und auch Armkraft benötigt, denn der Steig ist mit seinen 800 Klettermetern und fast 1400 Höhenmetern sehr lang und entsprechend fordernd.

Eine ausführliche Wegbeschreibung mit gpx-Track zum runterladen gibt es für Euch auch auf meiner Klettersteig-Karte:

part of outdooractive

 

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