Einmal wieder Kind sein: in den Canyons von Lantosque (C/D)

Canyons de LantosqueWie Indiana Jones durch felsige Schluchten im grünen Dschungel stiefeln, rauschende Wasserfälle auf schwankenden Hängebrücken überwinden und mit Karacho, nur am Seil hängend, über gähnend tiefe Schluchten rauschen. All das klingt sehr nach einem Rückfall in die 80er Jahre und Abenteuer aus Pappmaschee. In Südfrankreich kann man das aber wirklich noch genau so erleben. Die von Gebirgsbächen tief ausgespülten Klammen rund um das kleine Bergdorf Lantosque in den französischen Seealpen sind die Bühne für ein feuchtfröhliches Real-Life-Abenteuer, bei dem man endlich wieder Kind sein darf. Auf unserem Frankreich-Trip statteten wir dem Fun-Steig einen Besuch ab. Und? Na, ich denke mal, Indiana Jones wäre neidisch gewesen.

In den französischen Seealpen gibt es ja einige interessante Steige, die es noch zu entdecken gilt. Da wir uns aber auch einmal wie normale Menschen aufführen und an die Küste wollten, entschieden wir uns für die beiden küstennähsten Klettersteige. Der erste war der knackige, aber extrem lohnende L’Escale bei Peille. Doch dort vergaßen wir, uns in der Ticket-Bar Seilrollen auszuleihen, und mussten leider auf die Fahrt mit der 85 m langen Tyrolienne verzichten.

Dieser Fauxpas würde mir nicht noch einmal passieren, dachte ich mir, während wie auf den kurvigen Passstraßen hinauf ins französische Hinterland bei Lantosque fuhren. Als wir ankamen, hatte ich das Zauberwort auch schon auswendig gelernt und begrüßte die nette Dame im Ticketstüberl mit einem passabel-akzentfreien “Poulie!”. Nur zur Sicherheit, versteht sich. Und siehe da, wenige Minuten später hatten wir zwei nagelneue Petzl Cable-Rollen am Gurt hängen, zahlten unsere Tickets für je 5 € sowie die Leihgebühr, und machten uns fröhlich auf zum Einstieg. Das Abenteuer konnte beginnen.


Canyons de LantosqueIst zwar nicht öko, sieht aber so aus

Der Riou auf der westlichen und der etwas größere La Vésubie auf der östlichen Seite, haben im Laufe der Jahrmillionen tiefe Schluchten in den felsigen Grund rund um das beschauliche Bergdorf Lantosque gegraben. Glattpolierte Wände, dschungelartige Vegetation mit Lianen und Farnen, kristallklares Gebirgswasser, bunte Libellen und viele Fische. Die steilen Klammen sind einzigartige Lebensräume, die unbeachtet des menschlichen Trubels quasi “unterirdisch” eine kleine Parallelwelt darstellen. Jetzt hatten die örtlichen Behörden nur ein Problem: Die Klammen sind so schmal, dass kein Platz war, um dort einen Weg anzulegen.

Doch dann kam die zündende Idee: ein Klettersteig muste her! Nur so kann man ja die Schönheit der Natur “da unten” genießen, ohne allzu viel Schaden anzurichten. Gut, über das mit dem Schaden lässt sich bei gefühlten 5000 Bohrlöchern  streiten. Doch im Vergleich zu solchen optischen Verbrechen, wie es sie beispielsweise in der Breitachklamm im Allgäu gibt, sind die Canyons de Lantosque wirklich richtig öko. Das bestätigte mir die Ticket-Dame sogar auf Nachfrage. Neben den alljährlichen Checks eines staatlichen Guides wird offenbar auch viel Naturschutz betrieben. Im Vorfeld des Baus mussten extrem aufwändige geologische und naturschutztechnische Gutachten beauftragt werden, und auch heute noch sind Naturschützer regelmäßig im Steig unterwegs und kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Offenbar aber schon, denn seit der Eröffnung im Jahr 2001 läuft alles glatt.


Canyons de LantosqueAuf Bügeln und Brücken durch die Klamm

Die Teilüberschrift sagt eigentlich schon alles. Da die Wände auf der gesamten Länge des Klettersteigs meist senkrecht, teilweise auch leicht überhängend und vor allem auch glatt und relativ trittlos sind, wurde viel Stahl verbohrt. Dementsprechend lange Strecken läuft man auch seitwärts wie ein Krebs und muss darauf achten, dass man nicht doch plötzlich einmal von den Trittstiegen abrutscht und sich den Knöchel zwischen Stahl und Fels verkeilt (wobei verkeilen noch die freundlichste Variante wäre). Dann wiederum kommen kurze Abschnitte auf Planken oder kurzen Hänge- oder Holzbrücken, die vor allem im ersten Abschnitt häufiger verbaut wurden. Zielgruppenoptimiert angelegt, gibt es übrigens drei Teile.

part of outdooractive

Kinder- und familienfreundlich geht es im “Les Étroits de Riou” mit besagten Holzbalkenbrücken in beschaulicher Höhe über dem sanft dahin plätschernden Riou los. Gegen Ende hin sogar etwas eintönig und fast langweilig. Doch schon naht die wohlklingende Rettung: “La Rouche suspendue” nennt sich der zweite Abschnitt, der landschaftlich eindrucksvoll über den Zusammenfluss der beiden Gewässer und anschließend die überhängenden Wände des La Vésubie flussaufwärts führt. Nach einiger etwas anspruchsvollerer Kletterei, die auch Armkraft abverlangte, erreichten wir an einer hölzernen Plattform das Ende des zweiten Teils und gleichzeitig mit einer schwankenden Einseilbrücke den Einstieg in den wohl spektakulärsten Abschnitt der Runde, den “Les Gorges de la Vésubie”.


Hirn aus, Hose voll

Mal kletterten wir links- dann wieder rechtsseitig die Wände entlang – über leichte Überhänge oder auch mal durch etwas einfachere Passagen – bis wir nichtsahnend 20 m senkrecht nach oben klettern mussten und unvermittelt direkt unter den beiden großen Highlights der Tour standen. Knapp 70 m über unseren Köpfen baumelte eine 100 m lange Hängebrücke und direkt daneben, kaum erkennbar aus der Entfernung, die beiden Tragseile der Tyrolienne. Showdown war angesagt.

Canyons de LantosqueKurz unterhalb der beiden talquerenden Anlagen muss man sich entscheiden, ob man nun die Hängebrücke wählt, oder mit der Tyrolienne hinüberrauscht. Also ging es für uns nach links auf ein kleines hölzernes Plateau, dass in die Wand gehängt wurde und den Startplatz für die Tyroliennefahrer darstellt. Beim Blick über die Kante nach unten wurde uns die Höhe dann doch so langsam bewusst und entsprechend deutlich stieg der Puls. 70 m Felswand und noch einmal knapp 30 m die Klamm hinunter bis zum Wasser. 100 m über dem Boden sollten wir uns also nun in eine Seilrolle hängen und ins Leere springen?

Ja war die Antwort, bzw. “oui”. Und nach kurzem Zögern ließ ich es geschehen und sauste – mutig wie einst Indiana Jones –  in großer Höhe durch die Luft, zurück auf die Dorfseite. Tolle Sache! Und leichter als gedacht. Der Absprung war im Nachhinein das eigentliche, psychische Problem. Die anschließende Fahrt danach war einfach nur noch cool. Apropos cool: Indiana Jones hätte es sicherlich auch prima gefallen. Ich glaube allerdings, er wäre vielleicht mit etwas mehr Stil gefahren.

Fazit:

Der Klettersteig “Canyons de Lantosque” ist ein kurzweiliger Fun-Klettersteig durch die engen Schluchten rund um das kleine Bergdorf Lantosque. Die Ferrata ist in drei unterschiedlich schwere Abschnitte gegliedert (B, C und D), so dass für jeden Anspruch etwas dabei ist. Die Wegführung ist sinnvoll gewählt und gerade am Zusammenfluss der beiden Bäche auch richtig eindrucksvoll und einfach nur schön. Bis auf die letzte Wand hinauf zur Tyrolienne und der Hängebrücke verläuft der gesamte Steig in ca. 2 bis 20 m Höhe durch die sehr schattige und auch im Hochsommer angenehm kühle Klamm, und wird daher auch erst ab der Schlusswand richtig sonnig.

Wie auch schon der benachbarte L’Éscale, ist auch dieser Steig nahezu perfekt versichert und wird offenbar regelmäßig gewartet. Weder einen losen Griff, noch einen morschen Holzbalken entdeckten wir auf unserer Runde. Das Eintrittsgeld wird offenbar gut investiert. Wer auf Gipfelkreuz und Hüttenbier steht, ist hier fehl am Platze. Aber wer einen entspannten und kurzweiligen Nachmittag in einem verschlafenen Bergdorf aufpeppen will, der kann hier gerne und vor allem auch sicher wieder Kind sein.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es wie immer auch auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte.

markiert , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen