Feierabend im Allgäu: über den Salewa-Klettersteig (C) auf den Iseler

Gipfelkreuz des Iseler (1876 m)

Regeln sind zum brechen da. Und das ist auch gut so. In der Regel regnete es nämlich eigentlich immer. Zumindest in diesem Frühling, hier im Allgäu. Nur ab und an hörte es zu prasseln auf, um dafür in stürmisches Schneetreiben überzugehen. Und in der Regel kletterten wir in diesem Frühling auch noch nicht soviel. Nach der Arbeit fuhren wir meist regelkonform nach Hause und grummelten. Daher war es letzte Woche an der Zeit, diese eingelullerte Monotonie zu durchbrechen. Kollektiv wurde rebelliert: Während die Sonne den Regen verdrängte, fuhren wir, nicht mit fieser Miene nach Hause, sondern mit einem Lächeln im Gesicht, nach Oberjoch. Über unseren “Haussteig” ging es auf den Iseler. Erneut.



Wer viel schafft, der braucht Ausgleich. Früher waren es Pucks oder Bälle, denen ich in meiner Freizeit hinterher hechelte. Heute, in meiner Allgäuer Wahlheimat, kann ich meiner Bergsport-Begeisterung freien Lauf lassen. Im Winter versuche ich mich mittlerweile sogar wieder auf Skiern, doch wie auch der Schnee, taue auch ich erst so richtig im Frühling auf. Dann, wenn die Berge ihre Wander- und Kletterwege preisgeben und man auch ohne mehrjährige hochalpine Erfahrung Gipfelluft schnuppern kann. Doch dieses Jahr – wem erzähle ich das – läuft der Wetterapparat etwas schleppend an. Beziehungsweise glaube ich eher, er hat einen Defekt. Aber das ist ein anderes Thema.

17 Uhr und keine Sekunde später fuhren wir in Immenstadt los, um genug Zeit für alle drei Abschnitte des Steigs auf den Iseler zu haben und anschließend noch bei Tageslicht absteigen zu können. Um sicher zu gehen, packten wir zwei Stirnlampen mit ins spärliche Gepäck, denn schon eine kleine Unachtsamkeit im Dämmerlicht reicht, um die Saison zu beenden, bevor sie überhaupt richtig beginnen konnte. Über den Oberjochpass, der wohl kurvenreichsten Straße Deutschlands, ging es hinauf zur Talstation der Oberjochbahn, mit der wir bis zur Bergstation auffahren wollten. Doch trotz des schönen Wetters  war hier bereits Feierabend. Das bedeutete einerseits, dass wir je 10 € gespart hatten, dafür laut Beschilderung aber eine Stunde und 20 Minuten zum 500 Höhenmeter oberhalb liegenden Einstieg hochkraxeln mussten. Zu unserer Freude waren wir jedoch gut drauf und erreichten den noch unbeschilderten Einstieg nach exakt 50 Minuten.

Salewa, die Zweite

Der schöne Junischnee

Im vergangenen Sommer war ich schon einmal hier. Und das sogar relativ lange. Ausgesucht hatte ich mir damals einen Sonntag. In den Ferien. Bei 35 Grad. So kam ich in die ehrenwerte Situation, gemeinsam mit 100 schwitzenden Menschen mitten auf dem Klettersteig Schlange stehen zu müssen. Aus einer Dreiviertelstunde Kletterei wurden drei lange Stunden in brütender Hitze, bis wir endlich den Gipfel erreichten und absteigen konnten. Ich fand, er hätte eine zweite Chance verdient. Doch diese verspielte er leider irgendwie erneut…

Wie wir erfuhren, fehlten die ersten Meter Stahlseil und wir mussten in moderatem IIer Gelände in eine Scharte abklettern. Dort klinkten wir uns ins Seil und stiegen anfangs über eine steile Felsstufe auf. In der Folge wurden die Anstiege und Aufschwünge technisch wieder deutlich leichter. Im Grunde genommen ein typischer Familiensteig im mittleren Schwierigkeitsgrad. Wären da nicht diese vielen Traversen entlang der doch recht brüchigen Nordwände. Vereinzelt stießen wir auch noch auf Altschneefelder, aus denen in unregelmäßigen Abständen festgefrorene Steine und kleinere Gesteinsbrocken heraus schmolzen und die steilen Hänge herunter krachten. Dass die Route an manchen Passagen direkt unterhalb einer Abbruchkante verläuft, an der man herabfallende Steine eigentlich so gut wie gar nicht rechtzeitig sehen kann, war uns auch ein Dorn im Auge. Schnell passierten wir diese Stelle.

Lichtspiele am Iseler (1876 m)

Nach 50 – abgesehen von den gelegentlichen Steinschlägen – relativ ereignislosen Klettersteigminuten erreichten wir den Ausstieg des ersten Teilabschnitts am Gipfelkreuz des Iseler in 1876 Metern Höhe. Zwar war der Himmel mittlerweile etwas zugezogen, doch Sonne und Wolken lieferten uns noch eindrucksvolle Lichtspiele. An diesem Punkt verwarfen wir unseren eigentlichen Plan, vom Gipfel über einen zweiten und dritten Steigabschnitt unterhalb des Grats hinüber zum Kühgundkopf (1907 m) zu klettern. Waren es letzten Sommer die Hitze und der Stau, so waren es diesmal die fortgeschrittene Uhrzeit und der immer lauter knurrende Magen. In beiderseitigem Einverständnis brachen wir am Gipfel die Tagestour ab und wanderten noch vor der Dämmerung auf dem Normalweg zurück zum Parkplatz. Mein “Haussteig” rennt so schnell nicht fort. Und offenbar brauchen wir noch Zeit uns noch besser kennenzulernen.

Fazit:

Der Salewa-Klettersteig auf den Iseler ist ein netter Steig, keine Frage. Aber das gewisse Etwas fehlt mir eindeutig. Natürlich brauche ich von einem familientauglichen Klettersteig im mittleren Schwierigkeitsbereich keine Wunder erwarten. Aber weder die Routenführung entlang der schattigen und zugigen Nordwand, noch die herunter polternden Steine oder das brüchige Gestein entlang der Geröll- und Schutthänge ließen mich euphorisch werden. Das einzige  technische Highlight am Salewa ist die so genannte Bergsteigerplatte, einem kurzen C/D-Stück im oberen Bereich der Route. Diese Schlüsselstelle ist eine leicht überhängende Wand oberhalb einer kurzen Traverse, die Platte sucht man aber vergebens. Vielleicht bin ich etwas zu kritisch. Ich sollte wahrscheinlich erst einmal selbst einen Klettersteig planen und bauen, doch meine Beziehung zum Salewa bleibt zwiespältig. Wahre Liebe ist etwas anderes, doch ich kenne Teil zwei und drei ja noch gar nicht. Vielleicht ist es gut, wenn wir uns erst langsam kennenlernen. Denn der nächste Feierabend kommt bestimmt.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung gibt es auch auf meiner Klettersteig-Karte:

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Ein Gedanke zum Artikel “Feierabend im Allgäu: über den Salewa-Klettersteig (C) auf den Iseler

  1. […] den Mindelheimer Steig unternehmen, den – zugegebenermaßen äußerst unschönen – Salewa-Klettersteig machen oder Köllenspitze, die Rote Flüh über den Friedberger Steig sowie die Lachenspitze […]

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