Frankens Perle: der Höhenglücksteig im Hirschbachtal (D/E)

Höhenglücksteig - Patruckel.comNein, man muss nicht immer in die Alpen fahren, um am Stahlseil zu hängen. Kurz und  knapp ist die Antwort auf diese oft gestellte Frage. Gut, die Auswahl im Norden ist natürlich nicht die allergrößte, doch trotzdem bieten auch die Mittelgebirge den ein oder anderen Leckerbissen für Eisenfans. Allen voran der wohl schönste, bekannteste und längste nicht-alpine Klettersteig Deutschlands. Dieser befindet sich seit über 80 Jahren im fränkischen Hirschbachtal der Hersbrucker Alb, knapp 40 km östlich von Nürnberg. Mit seinen drei unterschiedlich schweren Abschnitten zieht er seit jeher Anfänger genauso wie auch große Alpinisten in seinen Bann und ist weit über die deutsche Landesgrenze hinaus bekannt.

Nur einen Katzensprung von Nürnberg entfernt liegt Neutras, ein verschlafenes Nestchen in der Hersbrucker Alb. Ganz in der Nähe, versteckt im dunklen Veldensteiner Forst, errichtete die Alpine Gesellschaft Höhenglück zwischen 1932 und 1937 den heute legendären Höhenglücksteig als Trainingsparcours für alpine Abenteuer auf den Alpen- und Dolomitensteigen. Doch so einfach die Anreise auch ist, umso schwieriger stellt sich der Zustieg dar. Denn den Steig zu finden, ist ein kompliziertes Unterfangen. Zumindest beim ersten Mal, da er es ausgezeichnet versteht, sich tief im Dickicht des Waldes zu verstecken. Bei unserem ersten Besuch vor einigen Jahren schafften wir es doch wirklich, erst den Weg und dann auch noch uns selbst als Gruppe zu verlieren. Was in der Theorie leicht klingt ist vor Ort gar nicht so einfach: Vom großen Wanderparkplatz in Neutras folgt man dem hügeligen Pfad nach Norden in den Wald, überschreitet dann den ein oder anderen Felsrücken und erreicht nach einer knappen halben Stunde die ersten Versicherungen des “Bambini-Steigs”, einem kurzen Kinder-Klettersteig mit Seilbrücke und kurzen Leitern. Zum Aufwärmen kann man den aber auch gleich noch mitnehmen, Abwechslung genug bietet er allemal. Dann steht man auch schon vor dem Einstieg des “Großen”. Unverkennbar weisen die roten Pfeile den schmalen und unversicherten Einstiegskamin hinauf.


Auf zum Scharfen Eck

Höhenglücksteig-KarteDer feuchte, speckige und daher sehr rutschige Fels sorgte schon auf den ersten Metern dafür, dass unsere Konzentration stimmte. Erst oberhalb des Einstiegskamins beginnen nämlich die Versicherungen, denen wir anschließend nach links folgten. Der gesamte Steig ist in gewisser Weise eine einzige lange Querung mit zahlreichen Auf und Abs und führt immer entlang der speckigen Felswand. Dabei variieren die Schwierigkeiten im ersten Abschnitt anfangs zwischen A und C, bis es gegen Ende hin dann an der knackigen Wittmann-Schickane (E) so richtig anspruchsvoll wird. Aber keine Angst, alle schwierigen Passagen können auch umgangen werden. Ein Wanderweg verläuft direkt unterhalb des Klettersteigs. Natürlich kam das für uns nicht in Frage und so kletterten wir eifrig weiter über das Neutras-Brettl, den Heuchlinger Blick und das Pfeffer-Brettl bis zum Scharfen Eck, an welchem die Kletterlegende Kurt Albert im Herbst 2010 tödlich verunglückte. Albert, der Erfinder des weltweit bekannten Rotpunkt-Kletterns stürzte hier während eines von ihm geleiteten Klettersteig-Kurses ab, als sich seine Rastschlinge beim Fotografieren aus dem Karabiner löste.

Hinter der schwierigen Wittmann-Schickane wird es dann wieder leichter, doch lange Beine sind trotzdem von Vorteil. Nach einigen Spreizschritten erreichten wir das Ende des ersten Abschnitts und folgten den Schildern zum zweiten Teil.


Der kurze Mittelteil mit Höhlenfinale

Höhenglücksteig - Patruckel.com

Nach kurzem Fußmarsch erreichten wir den Einstieg zum Mittelabschnitt, der allerdings deutlich kürzer als der erste ist. Erneut folgten wir dem Stahlseil hangparallel entlang der Felsen, während wir schnell an Höhe gewannen. In ungefähr 20 m Höhe passierten wir den Petrus-Pfeiler, umkletterten einige Felskanten und schon hatten wir den Ausstieg erreicht. Doch nicht so schnell: Teil des zweiten Abschnitts ist auch noch eine kurze Zusatzvariante, bei der es gilt von oben in einen schmalen Höhlenschacht zu klettern, um wenige Meter weiter unten aus einem kleinen Schlund ans Tageslicht zu krabbeln. Eigentlich sinnfrei, dafür aber sehr, sehr spaßig. Wir blickten zurück und realisierten, dass wir bereits den Großteil der Kletterstrecke hinter uns gebracht hatten. Nur noch der dritte Abschnitt, der kürzeste von allen, wartete auf uns. Doch dieser sollte es ganz schön in sich haben.


Das gute alte Vesperbändla

Höhenglücksteig - Patruckel.comIch gebe es zu: Ich bin ein großer Verfechter dieser zusätzlichen Sicherungsschlinge, der man in meiner fränkischen Heimat den sympathischen Beinamen “Vesperbändla” gegeben hat. Da die Äste des Klettersteigsets nicht zum “reinhängen” gemacht sind, ist so eine kurze Bandschlinge oder eine Exe in schwierigen Passagen einfach Gold wert. Im dritten Teil des Höhenglücksteig zeigt sich ihr Nutzen dann schon am Einstieg. Ausgesetzt und überhängend geht es gleich einmal los in eine dreifache D-Passage, die wir schwungvoll und ohne Zwischenstopps in einem Zug durchstiegen. Anders wäre diese Stelle auch kaum zu meistern gewesen, da man alles mit den Armen machen muss. Je länger man hängt, desto mehr leidet der Bizeps und umso glücklicher schätzt sich derjenige, der ein Vesperbändla am Gurt hängen hat. Hinter dem Steigbuch wartet dann noch der letzte Höhepunkt der Tour: Eine erneut überhängende, trittlose und wieder einmal sehr speckige Passage kitzelte noch einmal die letzten Reserven aus unseren Armen, bevor wir uns die letzten Meter hinauf zum Ausstieg schleppten und den grandiosen Blick über den Veldensteiner Forst und die Hersbrucker Alb genossen.


Fazit:

Der Höhenglücksteig ist der bekannteste und anspruchsvollste Sportklettersteig der deutschen Mittelgebirge. Der bereits 1932 erbaute Eisenweg führt meist parallel entlang der Hirschbachtaler Kalkwände und zeichnet sich durch oft trittlose und speckige Passagen aus, die von leicht bis zu extrem sportlich variieren. Ein Wanderweg führt immer parallel entlang der Kletterroute, ermöglicht eindrucksvolle Blicke auf die Begeher und erlaubt es auch, dass besonders schwierige Passagen umgangen werden können. Der Steig ist daher für Einsteiger in Begleitung erfahrener Kletterer sowie auch für Experten eine Herausforderung und an heißen Wochenenden auch entsprechend stark frequentiert. Wer am Fels lieber seine Ruhe haben möchte, der sollte eher in der kalten Jahreszeit kommen, wenn im Hochgebirge die Steige unter meterdicken Schneeschichten begraben liegen und sich die Kletterer in den Kletterhallen tummeln.

Meine Fotogalerie vom Höhenglücksteig

Eine genaue Wegbeschreibung samt Karte und gpx-track gibt es hier:

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