Ganz schön lang: die Via ferrata Ernesto Che Guevara (C)

Che Guevara, Gardaseeberge

Über dem kleinen Örtchen Pietramurata thront der gewaltige Monte Casale. Fast 1400 Meter ragt hier der steil ansteigende Fels der Ostwand in die Höhe. Und genau dort wollten wir hinauf. Über den längsten Klettersteig der Gardasee-Region. Auf den Gipfel und zurück in sieben bis acht Stunden.

Da uns der Wettergott den Vortag ziemlich vermieste, freuten wir uns am Morgen über blauen Himmel und nur schwache Bewölkung am Gardasee. Wie auch schon einige Jahre zuvor, richteten wir uns in einem Bungalow am Camping Zoo in Arco ein, um von dort aus fit und ausgeschlafen unsere Tour zu starten. Für heute war nichts Geringeres als der Königs-Klettersteig am Gardasee geplant. Hinauf auf den 1632 m hohen Monte Casale führt die, nach dem argentinischen Revoluzzer Che Guevara benannte, Via ferrata. Berühmt-berüchtigt und weit über die Landesgrenzen für ihre Länge und die konditionellen Anforderungen bekannt. Schnell wurde gefrühstückt, zusammengepackt und ein letztes Mal die aktuelle Wetterlage begutachtet. Warme 23 Grad und erst ab 14 Uhr sollten die ersten Regentropfen fallen. Genug Zeit also, um den anstrengenden Aufstieg über 1400 Höhenmeter im trockenen absolvieren zu können.


Eher heiß als schwer

Che Guevara, Gardaseeberge

Erst um Viertel nach zehn kamen wir am Klettersteigparkplatz an. Dieser liegt mitten in einem relativ unattraktiven Teil des Örtchens, einem trostlosen Industriegebiet. Sofort machten wir uns an den Zustieg und erreichten die ersten Versicherungen am Einstieg gute 20 Minuten später. In einigen Tourenbeschreibungen wird davon gesprochen, dass die schwierigsten Stellen erst am Ende – kurz vor dem Ausstieg – kommen würden.

Allerdings fand ich die ersten 200 Klettermeter technisch auch nicht ohne. Spaß machten sie allemal. Einige C-Passagen verlangen einem den ein oder anderen kräftigen Arm- und Beineinsatz ab und die gnadenlos von oben herab strahlende Sonne tut dabei ihr übriges. Grundsätzlich ist der Steig aber alles andere als schwierig. Strapaziös ist er, keine Frage. Doch die meiste Zeit wandert man eigentlich in steilem A/B-Gelände und ist dabei am Stahlseil gesichert.

Da dauert es nicht lange, bis einem der Sonnenmilch-getränkte Schweiß über die Stirn, die Brauen und dann in die Augen läuft. Schattenplätze sind gefragte Orte entlang der Aufstiegsroute. Die ersten knapp 300 Höhenmeter weisen derer jedoch nur wenige auf. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zusammenzureißen und sich über lange Strecken den von der Sonne aufgeheizten Fels hinaufzuarbeiten. Dass manch eine verrückte Haut den Steig auch in der brütend heißer Augusthitze klettern würde, konnte ich mir an diesem Maitag beileibe nicht vorstellen.


Noch eine Kurve, noch ein Absatz. Und dann noch einer. Und noch einer. Und noch einer.

Ab einem gewissen Punkt ist der Steig eine Qual. Landschaftlich ist er zwar traumhaft, rechts die steil abfallenden Felswände, das schmale grüne Tal tief unter einem und ab einer gewissen Höhe auch noch der Gardasee zur linken. Doch all das nutzt wenig beim Vorankommen. Einige Male wähnten wir uns schon am Ende, doch immer wieder erhob sich nach einem mühsam erklommenen Anstieg bereits der nächste steile Absatz. Wir durchstiegen Geröllfelder, erdige Rampen, schrofenartiges Blockgelände, doch das Ende war nie in Sicht. Als ich schon nicht mehr damit rechnete war es dann aber soweit: Vor uns türmten sich zwei Felsvorsprünge auf, die wir überkletterten und endlich befanden wir uns auf einem schmalen Pfad, der sich kurvig die verbliebenen 50 Höhenmeter zum Ausstieg schlängelte. Die letzten Reserven wurden angezapft und so erreichten wir schweißgebadet um 13 Uhr das Gipfelplateau.

Che Guevara-Klettersteig, GardaseebergeAuf den Anblick der sich mir oben bot, war ich allerdings nicht vorbereitet. Auf saftig grünen Wiesen spielten Kinder, Pärchen lagen auf Decken in der Sonne und der ein oder andere Hund sauste durch die Gegend. Im Hintergrund das Rifugio Don Zio (1610 m), daneben ein paar Autos. Szenen wie in jedem größeren Stadtpark. Kurz bestiegen wir noch das Gipfelkreuz und ab ging es zur Hütte mit ihrer sonnigen Terrasse. Diese hatte wider Erwarten geöffnet und lockte Kletterer und Wanderer mit leckersten Düften aus der Küche und frischem Bier aus kühlen Fässern. Zu dumm nur, dass wir unser gesamtes Geld im Auto vergessen hatten. Es blieb uns daher nichts anderes übrig, als an unserem eigenen lauwarmen Wasser zu nippen und an trockenen Müsliriegeln herum zu knabbern.

Abstieg im Regen

Via ferrata Ernesto Che Guevarra, GardaseebergeWie vorhergesagt kam der Regen pünktlich um 14 Uhr. Glücklicherweise hatten wir da bereits die schwierigsten Passagen des Abstiegs überwunden und der Großteil des restlichen Wegs verlief geschützt im Wald. Ohne Stöcke kämpften wir uns hinunter und erreichten nach weiteren nicht enden wollenden drei Stunden wieder unser Auto.


Fazit:

Der Che Guevara ist eine Herausforderung. Nicht unbedingt nur für versierte Klettersteiggeher, sondern auch für Einsteiger mit guter Fitness und all jene, die gerne an ihre Grenzen gehen. Das Tempo ist dabei ganz entscheidend. Wir waren an diesem Tag schnell unterwegs und haben alle anderen Gruppen überholt. Wer hingegen langsamer geht, schont einerseits natürlich Kräfte, ist aber auch wesentlich länger der brütend heißen Sonne ausgesetzt. Für beide Läufertypen gilt aber: viel Wasser – 3 Liter mindestens – mitnehmen, um nicht zu dehydrieren.

Wie bereits erwähnt, sind anspruchsvolle Kletterstellen nur auf den ersten 200 Höhenmetern und dann wieder ganz zum Schluss, kurz vor dem Ausstieg, zu finden. Wer auf eine ausgefallene und schwierige Kletterei aus ist, der wird hier nicht fündig. Landschaftlich ist die Tour hingegen ein einmalig. Auch das optisch nicht ganz so schmucke Kieswerk am Wandfuß verschwindet mit der Zeit hinter einigen Felsabbrüchen und stört die Szenerie nicht weiter. Der Che Guevara ist eine traumhafte Tor(-tour), die es sich lohnt anzugehen.

Eine  ausführliche Tourenberschreibung mit gpx-Track gibt es auch wieder hier.

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