Großes Kino: Der Sulzfluh-Klettersteig (D)

Sulzfluh KlettersteigVor genau 23 Jahren wurde vor dem Reichstagsgebäude in Berlin zum ersten Mal die Fahne der Einheit gehisst. Der Tag der Deutschen Einheit ist in der Bundesrepublik seitdem einer der höchsten Feiertage, den ausnahmsweise auch einmal Nichtgläubige ohne schlechtes Gewissen feiern dürfen. Und wenn dann auch noch das Wetter mitspielt und den Bundesbürgern den Tag versüßen möchte, dann macht man was? 

Richtig: Man fährt in die Schweiz, um die vielleicht letzte Gelegenheit des Jahres für eine alpine Klettersteigtour auf die 2818 m hohe Sulzfluh im Rätikon zu nutzen. Und wenn man nach über 16 Stunden wieder zuhause ankommt und noch immer über das Erlebte strahlt, dann weiß man, dass man alles richtig gemacht hat.

Ehe wir so richtig wach waren, saßen wir bereits im Auto und fuhren entlang des noch im Dunkeln liegenden Bodensees hinüber ins österreichische Bregenz und anschließend auf schweizer Seite durch Graubünden. Dank des zeitigen Aufbruchs erreichten wir unser Reiseziel Partnun bei St. Antönien just in dem Moment, als die ersten Sonnenstrahlen über die Rotspitz (2516 m) spitzten und die mächtige Felswand der Sulzfluh in freundliches Morgenrot hüllten. Ein Anblick zum genießen.

IMG_0053Zu gut ausgerüstet: wir haben ein Klamotten-Problem
Eineinhalb Stunden sollte der Zustieg dauern – gebraucht haben gut eine Stunde länger. Anfangs schlängelt sich der Weg noch recht moderat durch saftige Almwiesen, später wird er aber doch zunehmend steiler und auch anstrengend. Die Konsequenz: Jacke runter und im Pulli weiterlaufen. Wenig später wieder anhalten, Pulli ausziehen und verstauen. Dann doch ein kleiner morgendlicher Windstoß und schon musste der Pulli wieder drüber. Fünf Minuten später stiegen wir dann aus dem Schatten der Rotspitz und schwitzen sogleich in der Sonne. Pulli wieder aus.

Doch das alleine erklärt natürlich nicht zur Gänze unsere einstündige “Verspätung”. Als wir die die letzten Meter des steilen Grashangs unterhalb des felsigen Gipfelplateaus der Sulzfluh erreichten, eröffnete sich vor uns ein kleines Schlaraffenland. Zumindest für Lisa. Ihre Augen wurden größer und größer und ehe ich mich versah, verschwand sie – fröhlich glucksend – Hals über Kopf in einem der unzähligen Blaubeersträucher. Diese wuchsen hier oben in unvorstellbaren Massen und schmückten die Hänge mit ihren herbstlichen Gewändern in feurigen Rottönen. Irgendwann konnte ich sie den Beeren entreißen und wir machten uns an den letzten Abschnitt des Zustiegs über große Geröllfelder und erreichten nach besagten zweieinhalb Stunden den Einstieg am Wandfuß.

IMG_0278Ein schöner Herbsttag mit Luft unterm Hintern
Nach einer kurzen Pause legten wir unsere Ausrüstung an, drückten die Karabiner ins Stahlseil und stiegen ein. Uns erwarteten mehr als zwei Stunden Kletterei und 410 Höhenmeter in der steilen Südwand. Schon nach den ersten Metern wussten wir, dass wir eine tolle Kletterei vor uns haben würden. Der Fels war kantig, griffig und fest, die Versicherungen in einem Top-Zustand und noch immer trübte kein Wölkchen den Himmel. Alles war perfekt.

Wir erklommen die ersten Leitern über steile Platten, überwanden mehrfach ausgesetzte Traversen und mussten an der ein oder anderen Steilstufe doch kräftig zupacken und die Muskeln spielen lassen. Was uns sehr erfreute war die Tatsache, dass, obwohl viel Eisen verbohrt wurde, zahlreiche Freikletterstellen in die Route integriert wurden. Mit Händen und Füßen geht es – geschätzt – durch  oberes 3er Gelände, wobei richtiges Kletter-Feeling aufkommt. Irgendwann waren wir dann so vertieft in unsere Kletterei, dass wir die Zeit vergaßen und uns die hölzerne Rastbank hinter einem kleinen Gratabschnitt richtig überraschte. Halbzeit.

Ein paar Stullen später ging es an den zweiten, sogleich schwierigeren Teil des Sulzfluh-Klettersteigs. Direkt über der Rastbank führt die Route fast senkrecht die Steilwand hinauf. Dieses lange Vertikalstück wird in mehreren Klammernpassagen überwunden, die wiederum von einigen extrem ausgesetzten Querungen unterbrochen werden. Zum Verschnaufen sind diese Abschnitte ideal. Allerdings kann es den ein oder anderen auch etwas Überwindung kosten, denn immerhin hat man an diesen Stellen gut 200 m Luft unterm Hintern.

Doch wir waren gut in Fahrt, zogen die Steilstücke schnell durch und kamen bald darauf über die Seilbrücke zum Wandbuch. Einen kurzen Spruch samt dezenter Eigenwerbung konnten wir uns nicht verkneifen, dann erklommen wir die – im Nachhinein – schwierigste Passage des Steigs: eine ausgesetzte Klammernpassage mit doppeltem Überhang. Gut, dass auch Lisa so gut durchkam, denn das Belay Kit blieb diesmal aus packtechnischen Gründen im Auto. Da sie mittlerweile aber auch sehr routiniert ihre D-Steige meistert, war das übrigens eine bewusst getroffene Entscheidung. Keine Angst, das bewährte Sicherungsseil wird schon noch öfter zum Einsatz kommen, wenn ich meine To Do-Liste einmal genauer betrachte…

Einige luftige Stufen und eine Leiternbrücke später war es nur noch ein kurzer steiler Aufschwung, bevor das Gelände vor uns abflachte und wir das Ende des Steigs erreichten. Nach fünf Stunden und über 1100 Höhenmetern hatten wir das Gipfelkreuz erreicht und genossen eine wahrlich umwerfende Aussicht über den Rätikon und die Dreitausender der Silvretta. Wenige Kilometer nördlich der Sulzfluh ragt der markante Gipfel der Zimba (2643 m) empor. Ein Berg, dem wir bei unserer Tour auf den Saulakopf sehr nahe waren, den wir aber aufgrund der dichten Wolkendecke damals leider nie zu Gesicht bekamen. Diesmal sah ich ihn. Ein großartiger Berg. Und das perfekte Ambiente für eine wohltuende Gipfelrast!

Wenn gutes Schuhwerk schmerzt
Abstieg. War noch nie mein Fall und wird es auch nicht mehr werden, soviel weiß ich. Zwar habe ich einen guten Bergschuh, jedoch sind meine Quadratlatschen einfach nicht für solche robusten Stiefel gemacht. Die Fesseln zu dünn, die Sohle zu breit, die Zehen zu lang – da muss ich nicht lange warten, bis meine Fußspitzen nach vorne rutschen, anstoßen und schmerzen. Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen. Mein Fußleiden nahmen wir dann als Vorwand um ganz gemütlich abzusteigen und erneut die ein oder andere Rast einzulegen.

Die Bergwelt auf der Nordseite der Sulzfluh bietet sich aber auch ideal für ausschweifende Pausen an. Rauh, unerschlossen und mächtig ragten die Felskronen und Abbrüche in den Nachmittagshimmel. Erst gegen halb sechs, nach exakt neun Stunden Marsch und Kletterei kamen wir 1100 Höhenmeter tiefer wieder am Ausgangspunkt an und fielen drei Stunden später müde und glücklich ins Bett. Ein perfekter Tag, dieser Tag der Deutschen Einheit. Ost und West gemeinsam auf Gipfeltour. Wenn mir das vor 23 Jahren mal jemand gesagt hätte…

Fazit:
Die Sulzfluh ist seit Jahrzehnten ein beliebter Berg für Alpinkletterer. Erst 2004 wurden Stahlseile montiert und im darauffolgenden Sommer 2005 konnten dann auch die ersten Klettersteiger in Richtung Gipfelkreuz kraxeln. Mit geschätzten dreitausend Begehungen jährlich zählt er seitdem zu den stärker frequentierten Steigen, weshalb es an sonnigen Sommertagen – trotz des recht langen Zustiegs – mitunter auch mal etwas länger dauern kann. Wenn man aber auch einmal in einer Steilpassage im Stau stecken bleiben sollte, so braucht man keine Angst zu haben.

Die Stahlseile sind gut in Schuss und alle Bohrhaken und Steigbügel fest verankert. Die anspruchsvolle Route mit ihren zahlreichen Freikletterstellen am Fels ist gut gewählt und die Aussicht während der gesamten Tour einfach phänomenal. Griffiger Fels, kurze aber fordernde Überhang-Passagen eine kurze Drahtseilbrücke und eine Leiternquerung runden eine tolle Klettersteigtour ab. Wer sich über die möglichen Strapazen von über 2200 Höhenmetern bewusst ist, dem sei der Sulzfluh wärmstens ans Herz gelegt.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es wie immer auch auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte.

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