Grünstein-Klettersteig (C-E): Hochbetrieb am Königssee

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Geplant war eigentlich ein Klettersteig-Wochenende mit Freunden im Allgäu. Doch plötzlich standen wir im Stau – am schönen Grünstein-Klettersteig hoch über dem Königssee.

Das Allgäuer Wetter ist unberechenbar. Naja, zumindest zeigte es sich 2013 bislang sehr launisch. Vor allem dann, wenn es aufs Wochenende zuging und die Touren bereits organisiert waren. Auch dieses Wochenende wurden Dauerregen und einstellige Temperaturen gemeldet, weshalb es und auf der Suche nach Sonne und Wärme relativ spontan nach Oberbayern ins schöne Berchtesgadener Land verschlug. Nach einem verregneten, aber gemütlichen Roadtrip – fernab von Autobahnen und trubeligem Wochenendverkehr – erreichten wir in der Abenddämmerung den Königssee, wo wir sogleich unser Nachtlager aufschlugen.

Der dortige Großparkplatz kann zwischen 19 Uhr abends und 7 Uhr morgens kostenlos genutzt werden, weshalb es sich neben uns auch noch zahlreiche weitere Wanderer und Bergsportler in ihren Wohnmobilen und Hochdachkombis gemütlich machten. Wirkliche Eile hatten wir keine, also schliefen wir etwas länger und konnten uns ein Grinsen nicht verkneifen als wir am nächsten Morgen erst gegen 9 Uhr aus dem Fenster spähten. Die Sonne strahlte uns gut gelaunt an und nur vereinzelt zogen ein paar kleine Wölkchen am Himmel vorbei.


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11:30 Uhr, Touristen-Hochburg, Brückentag, schönes Wetter, kurzer Zustieg

Der Beschilderung folgend zogen wir vorfreudig los und erreichten den Einstieg oberhalb der Bobbahn nach einer knappen Dreiviertelstunde. Warum uns auf dem gesamten Zustieg niemand begegnete wurde uns erst hier klar: Wir waren die Letzten. Jedenfalls kam uns das so vor, als wir ungläubig eine schier nicht enden wollende Schlange an Kletterern beobachteten, die sich mühsam – mehr stehend als gehend – die leichte Isidor-Variante hinauf quälte. Doch natürlich gab es kein Zurück. Zu viele Möglichkeiten bietet der originelle Steig auf den 1304 m hohen Grünstein. Die Jungs und Mädels vom gleichnamigen Sportclub haben beim Bau der Anlage beste Arbeit geleistet. Der spektakulär entlang der brüchigen Südwände verlaufende Steig bietet für Einsteiger genauso wie auch für erfahrene Kletterer eine aufregende und kurzweilige Kraxelei.

Qual der Wahl: Isidor, Variante schwer oder Räuberleiter

Für eine von gleich drei unterschiedlichen Einstiegsvarianten muss man sich am Start entscheiden. Ganz links verläuft die leichtere Isidor-Variante (B/C), direkt daneben führt die Variante schwer (D) steil hinauf. Das geniale an der Wegführung: Beide Stahlseile trennen nur wenige Meter auf ihrem gemeinsam Weg eine steile Felsrinne hinauf. Erst nach etwa 100 Höhenmetern, bei der so genannten Heisei-Brücke – einer wackeligen Hängebrücke – werden die beiden Routen vereint.

Und als wäre das noch nicht genug, gibt es seit 2011 sogar noch eine dritte – noch schwierigere – Einstiegsvariante, die so genannte Räuberleiter (D/E). Diese führt erst steil und ausgesetzt die Südwände aufwärts, quert dann glatte Platten nach links, verläuft kurz und knackig ab- und wieder aufwärts und  trifft nach etwa 100 Klettermetern – kurz oberhalb des Einstiegs – wieder auf die schwierige D-Variante. Allerdings war der Zustieg zur Räuberleiter am Tag unseres Besuchs nicht ausgeschildert. Wer diese klettertechnisch anspruchsvolle und in jedem Fall lohnenswerte Variante selbst gehen möchte, der erreicht sie über einen unscheinbaren Trampelpfad, der direkt am Zustiegsweg in der Kehre rechts weführt und für ca. 50 m parallel zur Felswand bis zum Stahlseil verläuft.

Auf der Räuberleiter am GrünsteinWährend Lisa die Isidor-Variante gehen wollte, reizte mich die Räuberleiter. Wir trennten uns, stiegen separat ein und just als ich über die Räuberleiter-Variante in die steile D-Route einbog, sah ich auch Lisa, die sich durch den Stau gequält hatte und nun auch langsam vorwärts kam. Übrigens haben beide Varianten ihre Tücken. Während die beiden Routen Räuberleiter und Variante schwer über steile und teilweise feuchte Platten oft überhängend und ausgesetzt nach oben führen, sind es am Isidor eher die Steinchen, die des Öfteren von Vorkletterern losgetreten, in hohem Bogen auf die nachsteigenden Kletterer prasseln. Steinschlag wäre zwar zu viel gesagt, aber unwohl wird einem allemal, wenn man in regelmäßigen Abständen jemanden “Stein!” rufen hört und den Kopf einziehen muss.

So wie einst Indiana Jones – nur besser gesichert

Nach ungefähr 100 Höhenmetern erreichen beide Routen die Hängebrücke. Überqueren müssen diese eigentlich nur diejenigen, welche die schwere Route gewählt haben. Allerdings lässt sich diesen Spaß natürlich kaum jemand entgehen und fast jeder der hier vorbeikommt, klettert auf den Spuren von Indiana-Jones mit zitternden Beinen über die wackelnden Holzbalken. Natürlich war auch das ein Grund, warum es sich auf der Isidor-Variante bis zum Einstieg hinunter staute.

Ab der Brücke kletterten wir dann wieder gemeinsam in Richtung Gipfel. Steile Aufschwünge, schöne Traversen, kurze Überhänge und ein fotogener Spreizschritt erfreuten uns im oberen Teil. Einzig die erdigen Passagen sorgten ab und an für tränende Augen, wenn der Wind immer wieder Erde aufwirbelte und uns Dreck und Staub entgegen wehte. Doch auch bei Nässe können diese Passagen äußerst unangenehm werden sind daher mit etwas Vorsicht zu genießen.

Nach langen und schweißtreibenden drei Stunden erreichten wir das Steigende und 15 Gehminuten später endlich auch den Gipfel des Grünsteins. Die prächtigen Ausblicke über Berchtesgaden und den mächtigen Hochthron im Norden sowie die majestätischen Watzmann-Gipfel im Süden waren jede Mühe wert. Nach einer kurzen Stärkung auf der Grünstein-Hütte machten wir uns auch schon wieder an den schönen, einstündigen und überraschend knieschonenden Abstieg.

Zurück ging es diesmal allerdings nicht durch den Wald, sondern nach den Kehren auf einem Trampelpfad hinunter zum Männer-Starthaus der Bobbahn und dann immer entlang des Betonkanals hinunter bis zum See, wo wir zwischen zahllosen Amerikanern und Japanern trotzdem noch ein kleines Plätzchen fanden, um die gequälten Füße ins kalte Nass zu hängen.

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Fazit:

Zwar ist der Steig wegen seines kurzen Zustiegs und der Lage im Touristenzentrum Königssee oft überlaufen, doch wer das weiß, der steigt einfach ein, bevor die Massen anrücken. Zwischen 6 Uhr und 8 Uhr morgens hat man den Steig für sich. Dank der variablen Einstiegsmöglichkeiten, der kreativen Wegführung und der guten Sicherungen ist der Grünstein-Klettersteig ein talnaher Klettersteig-Traum, der zu Recht hochgelobt wird.

Alle Bilder vom Grünstein-Klettersteig

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Ein Gedanke zum Artikel “Grünstein-Klettersteig (C-E): Hochbetrieb am Königssee

  1. […] Klammklettereien in Frankreich. Hoch hinaus ging es dabei fast immer und der ein oder andere E-Steig wurde auch schon bezwungen. Aber von der Schwierigkeit her war nach oben hin noch immer Luft. Es […]

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