Klettern am Comer See: Die Via Ferrata Monte Due Mani (D)

Via Ferrata Monte Due Mani/Simone Contessi Torrione Discordia/Simone Contessi Torrione DiscordiaIch habe mich getäuscht, und zwar ziemlich. Jahrelang war ich der Ansicht, dass die Gardaseeberge für Klettersteiger das Non-Plus-Ultra sein würden. Nun war ich spontan am Comer See und kam in den Genuss einer kleinen Traumtour, die mir die Augen geöffnet hat. In den Bergen rund um das trubelige Örtchen Lecco, am Südostufer des Sees, stehen einem derzeit über 30 (!) Klettersteige zur Auswahl, die es kennenzulernen gilt. Schwer, leicht, kurz, lang, für jeden ist was dabei. Eines sind sie jedenfalls alle: aussichtsreich. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht und letzten Endes war es auch ein Produkt des Zufalls, dass wir uns für die Besteigung des Monte Due Mani entschieden. Eine gute Wahl. Eine Via Ferrata mit viel Felskontakt, wenig Eisen, dafür zahlreichen Ketten. Eine echte Traumtour in den Bergamasker Alpen der Lombardei.
Wer sich für eine Tour auf der Via Ferrata Monte Due Mani entscheidet, der sollte auf alle Fälle mobilisiert sein. Zu Fuß ist der Einstieg zum Klettersteig mehr oder weniger unerreichbar. Naja, zumindest wäre der Zustieg in 900 Höhenmetern zu Fuß nur sehr beschwerlich zu erreichen. Mit dem Fahrrad wird es sehr sportlich, ein Auto ist quasi ein Muss. Von Lecco aus führt die SP63 in Richtung Vasassina ins beschauliche Ballabio, wo am südlichen Ortsrand eine passagenweise extrem schmale Straße Richtung Morterone abzweigt. Nach knapp fünf Kilometern gelangt man dann in einer Linkskurve an einen schmalen “Parkplatz” mit einem Holzschild, das sehr dezent auf den naheliegenden Klettersteig hinweist. “Parkplatz” übrigens deswegen, weil hier maximal Platz für drei parkende Vehikel ist. Wer nicht rechtzeitig bremst und die Stelle entdeckt, hat 50 Meter weiter auf der rechten Seite noch die Möglichkeit eine schmale Parkbucht anzusteuern. Doch auch hier haben nicht mehr als zwei Autos Platz. Vorbeifahren heißt auch gleich einen Kilometer  weiteres Gekurve, ehe sich die erste Wendemöglichkeit bietet. Selbstredend spreche ich hier aus eigener Erfahrung, uns ging es nämlich genau so. Doch ist erst einmal ein Platz gefunden, ist die größte Hürde bereits überwunden. Ab dort regiert der Spaß und das Vergnügen auf einem abgelegenen, niemals überlaufenen Klettersteig. Rucksack packen und los!

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“Kettensteigen” mit Seeblick

Zurück am Holzschild hieß es für uns die ersten 50 Höhenmeter auf einem schmalen Trampelpfad zu erklimmen, bis wir den nahen Einstieg erreichten. Hier erwartete uns eine kleine Überraschung in Form einer stählernen Kette, die an Stelle eines klassischen Stahlseils den Fels hinauf führte. Erst einmal gab es verdutzte Gesichter. Naja, dann eben heute “Kettensteigen”. Die ersten Meter liefen ausgesprochen gut und auch die Klettersteigkarabiner rutschten mühelos über die Kettenglieder und störten nicht beim Vorankommen. Nach einigen schönen Kletterzügen auf griffigem Fels gelangten wir hinter einem kurzen und steilen Aufschwung und einer ausgesetzten Querung ans Ende der ersten von mehreren kurzen Passagen. Dort offenbarte sich dann auch, dass ich wohl der einzige unter uns war, den die Ketten nicht sonderlich störten. Meine beiden Kletterkollegen fluchten schon längst. “Das verhakt sich dauernd.” Später ging es mir dann ähnlich…

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Klettern und Wandern im regen Wechsel

Die Via Ferrata Monte Due Mani ist kein reiner Klettersteig. Ich würde sie eigentlich eher als Bergtour ansehen, die hin und wieder mit kurzweiligen Klettersteigpassagen aufwartet. Das wirklich tolle an ihr ist, dass man alle Kletterstellen theoretisch auch umgehen kann. Wer also mit Frau und Kind oder Wanderern unterwegs ist, die nicht klettern wollen, braucht vor diesem Steig nicht Halt zu machen. Wer nicht mag, der geht einfach drumherum. Klar, dass wir von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machten und so wurde fleißig geklettert, ehe wir wieder ein gutes Stück auf schmalen Wanderpfaden den Berg hoch stapften. Dabei führt einen der schmale Pfad in schönen Schwüngen den steilen Grashang hinauf und gewährt wirklich tolle Blicke hinunter auf den See, Lecco und die prächtige Bergwelt. Genuss pur, wenn denn das Wetter mitspielt. Wie auf den Bildern unschwer zu erkennen ist, war die Sonne an jenem Tag leider etwas scheu…Via Ferrata Monte Due Mani/Simone Contessi Torrione Discordia/Simone Contessi Torrione Discordia

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Die Variante Simone Contessi Torrione Discordia

Nach einiger schöner Kletterei und Kraxelei erreichten wir eine Weggabelung unterhalb einer senkrecht aufragenden Felswand. Hier führt eine uns nun schon bekannte Kette steil die Wand hinauf, parallel dazu aber auch noch – man höre und staune – ein echtes Stahlseil! Stutzig wurden wir nur, als wir am Einstieg ein Schild vorfanden, auf dem “Via Ferrata Simone Contessi Torrione Discordia” stand. Komisch. Sollte unser Weg nicht auch hier entlang führen? Offenbar nicht, denn dieser kurze Steig zählt offiziell nicht zur Via Ferrata Monte Due Mani, die hier auf einem Wanderpfad rechts an der Wand vorbei führt und sich oben wieder mit der Route vereint. Es lag aber auf der Hand, dass wir den Abstecher über diese herausfordernde Variante wagten. Ein ausgesetzter Einstieg, zwei kurze Überhänge und eine erneut sehr exponierte Querung vor einem letzten Aufschwung waren zu meistern, bevor wir 40 Meter weiter oben erst einmal eine Brotzeitpause ansetzten. Wer auf sportlich anspruchsvolle Kletterei steht, der sollte es genauso machen. Es lohnt sich.

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Berggenuß auf dem Weg zum Gipfel

Ein kleiner Felsvorsprung mit saftigem Einstieg war die letzte Hürde, bevor wir den langgezogenen Grat erreichten, der anschließend in leichtem Auf und Ab hinauf auf den Gipfel des Monte Due Mani führt. Hier kann man die Seele baumeln lassen und das Wandern genießen. Klettergurt und Steigset können getrost im Rucksack verstaut werden, ab hier werden sie nicht mehr gebraucht. Es führen zwar noch ein paar kurze Passagen durch felsiges Gelände, doch die sind harmlos und leicht. Bald schon hat man den letzten Anstieg gemeistert und steht auf dem sanften Grasgipfel des Monte Due Mani, wo sich sogar eine igluförmige Biwakschachtel befindet, in der abenteuerlustige Bergsteiger sicher übernachten können. Für diesen Spaß hatten wir leider nicht genug Zeit im Gepäck und kehrten nach einem letzten Gipfelfoto und einem Eintrag ins Buch wieder um und machten uns an den Abstieg. Dieser erfolgt auf dem gleichen Weg, den wir auch gekommen sind, nur ließen wir die Kletterstellen diesmal aus. Klettersteige im Abstieg zu gehen ist nicht so unser Ding.

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Fazit:

Die Via Ferrata Monte Due Mani oberhalb von Lecco am Comer See ist ein kleiner Geheimtipp unter Klettersteig-Fans. Zwar liegt die Ferrata inmitten eines Klettersteig-HotSpots, doch ist sie eine der eher unbekannteren Routen vor Ort und daher oft menschenleer. Ein Glück, denn hier hat man wirklich seine Ruhe, steht nicht Schlange und kann sein eigenes Tempo gehen. Außerdem kann man erstklassig griffigen Fels, schöne Routenführungen und sagenhafte Blicke über Lecco, den Comer See und die Berge werfen. Der Steig selbst ist in mehrere Klettersteigpassagen aufgeteilt, die immer wieder von kurzen, teilweise auch etwas längeren, Wanderpassagen unterbrochen werden. Die Kletterstellen sind  im Bereich zwischen B und C einzuordnen, es gibt allerdings einige Stellen, die ich im hohen C sowie unteren D-Bereich sehe. Am schwierigsten ist eindeutig der vorletzte Abschnitt über den ehemals eigenständigen Klettersteig Simone Contessi Torrione Discordia. Dieser weist zwei kurze Überhänge (D) sowie eine kraftraubenden Querung in luftiger Höhe auf (D) und treibt einem den Schweiß auf die Stirn. Doch trotzdem ist der Monte Due Mani auch mit Einsteigern oder Kindern gut machbar. Alle Kletterpassagen können auf dem Wanderweg umgangen werden, dem man auf den Gehpassagen immer wieder folgt. So kann jeder selbst entscheiden, welche Klettereien machbar erscheinen und welche nicht. Gewöhnungsbedürftig sind allemal die vor Ort angebrachten Stahlketten, an denen man sich sichert. Stahlseile machen zumindest einen sichereren Eindruck, doch es gibt – bis auf den Abschnitt Simone Contessi Torrione Discordia – keine Alternativen. Wer einen abgelegenen Klettertag mit anschließender Gipfelbesteigung in den Bergamasker Alpen erleben möchte, der ist hier trotzdem absolut an der richtigen Adresse.

Eine detaillierte Tourenbeschreibung gibt es auch auf meiner Klettersteig-Karte.

 

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Ein Gedanke zum Artikel “Klettern am Comer See: Die Via Ferrata Monte Due Mani (D)

  1. Martin sagt:

    Sieht sehr cool aus, muss ich mir beim nächsten Comosee-Urlaub unbedingt mal anschauen.
    Habe deine Seite gerade entdeckt, super Tourenberichte! Werd in Zukunft sicher öfter vorbeischauen.

    Schöne Grüße,
    Martin

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