Der Klettersteig Mürren-Gimmelwald: Adrenalin-Kick über dem 600 Meter-Abgrund

Klettersteig Mürren-GimmelwaldDer Klettersteig Mürren-Gimmelwald im Berner Oberland ist nicht wirklich schwierig. Dafür aber beeindruckt die schwindelerregende Routenführung und die Schönheit des Lauterbrunnentals inmitten der umliegenden Viertausender. 600 Meter über dem Parkplatz der Bergbahn hängen die Klettersteiger am Stahlseil und blicken unter sich in die gähnende Leere. Da mussten wir unbedingt hin.

 

Auf unserer Reise zu den schönsten Klettersteigen der Schweiz war natürlich auch ein Zwischenstopp im Lauterbrunnental eingeplant. Wenige Kilometer westlich von Grindelwald, wo uns schon der Rotstock-Klettersteig begeisterte, wartet eines der größten Schweizer Klettersteig-Highlights. Weit oberhalb des Örtchens Stechelberg führt eine Klettersteigroute entlang senkrechter Felswände und sorgt garantiert für Herzrasen.

Ich kannte schon viele Bilder, Erzählungen und Videos des Klettersteigs, der vor allem wegen der extrem ausgesetzten Passage in 600 Metern Höhe bekannt ist. Wo sich direkt nebenan die Basejumper in die Tiefe stürzen, führt die Route über schmale Eisenstiegen die überhängende Felswand entlang.

Klettersteig Mürren-Gimmelwald

Mit der Schilthornbahn in Stechelberg fuhren wir gemeinsam mit einem multikulturellen Touristen-Potpourri aus aller Welt hinauf nach Gimmelwald und von dort aus direkt weiter in das kleine Bergdorf Mürren. Untermalt wurde die Auffahrt von der in Dauerschleife laufenden James Bond-Titelmusik, die blechern aus den Gondel-Boxen schallte. Mürren und Gimmelwald liegen am Fuße des knapp 2.970 Meter hohen Schilthorns, das James Bond-Fans unter dem Namen Piz Gloria bekannt sein dürfte. Dort oben wurde Ende der 1960er Jahre der sechste James Bond Film “Im Geheimdienst Ihrer Majestät” gedreht. Grund genug für Menschen aus aller Welt dort hinauf zu fahren.

Wir stiegen hingegen in Mürren aus und schlenderten kurz durch die touristischen Gässchen. Das Bergdorf ist einerseits wahnsinnig romantisch, wunderschön gelegen und hat tolle Bauernhäuser, andererseits ist es ein trauriges Opfer des Massentourismus. Wohnen möchte dort sicher niemand mehr. “Been there, done that” und jetzt ab zum Klettersteig!

Gemütlicher Einstieg im Schatten dichter Bäume

Ich wusste bereits im Vorfeld, dass der Klettersteig keine sportliche Herausforderung ist. Meine Gedanken drehten sich einzig darum, wie ich mit meiner Höhenphobie diese eine, unter Klettersteigern weltbekannte, Querung meistern würde. Ich war daher schon beim Anziehen von Klettergurt und Set leicht nervös, versuchte das aber zu überspielen und mir nichts anmerken zu lassen. Ehrlich gesagt, war ich aufgeregter als das amerikanische Touristenpärchen, das sich gerade beim gegenseitigen Ankleiden des Leihsets köstlich amüsierte. Wenn die wüssten, was auf sie zukommt, dachte ich noch. Naja, vielleicht besser nicht. Lisa war wie immer die Ruhe selbst. Höhe war ihr schon immer total wurscht. Völlig unverständlich für mich 🙂

Die ersten Meter nach dem Einstiegstunnel führen entspannt hinunter zur Hangkante. Der Weg gleicht eher einem verwurzelten, etwas anspruchsvollerem Wanderweg und birgt keine nennenswerten Passagen. Im Schatten dichter Bäume stiegen wir also immer weiter abwärts in Richtung des Abgrunds. Ab da verläuft der Klettersteig parallel zum Tal, bis zurück nach Gimmelwald. Obwohl man wegen der Bäume anfangs nicht wirklich viel sieht, spürt man die gähnende Tiefe in unmittelbarer Nähe im ganzen Körper. Der Wind, die Geräusche aus dem Tal, das Wissen um die Höhe der Felswand: die Spannung wuchs in mir.

 

600 Meter über dem Boden steigt der Puls

Wir folgten dem leicht zu gehenden Pfad einige Zeit lang, bis es dann plötzlich soweit war: Links neben uns ragte eine mit Gummimatten bezogene Metallplattform über den Abgrund, an einem Baum waren Schilder und Walkie-Talkies befestigt. Wir standen direkt an der Baejumping-Abspungstelle “High Ultimate”. Hier stürzen sich bei guten Wetterbedingungen Menschen mit Fallschirmen und Wingsuits in die Tiefe. Völlig baff und schwer beeindruckt standen wir einige Zeit lang dort und stellten uns vor, was in solchen Menschen wohl vor einem Sprung hier runter vorgehen muss. “Wir sind alle gleich” heißt es doch so schön. Ääähh nein, sind wir nicht! 🙂

Und so sieht es übrigens aus, wenn Basejumper dort hinunterspringen:

Kopfschüttelnd drehte ich ab und machte mich wieder auf den Weg. Vor uns lichtete sich die Wand aus Bäumen und machte Platz für das, was ich schon lange aus dem Internet kannte und mir schon auf zahlreichen Videos Gänsehaut zufügte: Wir hatten sie erreicht, die derzeit wohl extremste Klettersteigpassage für Menschen mit Höhenangst.

Lisa ging vorweg, ich folgte in wenigen Metern Abstand. Anfangs führen die Eisenstiegen noch wenige Meter abwärts und die Felsen verbergen noch den Blick in die gähnende Leere. Doch von einer Sekunde auf die andere wird das technisch eigentlich leichte Klettern um einen gewichtigen Faktor ergänzt: Adrenalin.

Der Wind pfeift, um uns herum ist einfach nichts außer Luft. Viel Luft, weit entfernte Geräusche aus dem Tal machen uns die Höhe noch klarer bewusst. Jeder noch so leichte Schritt ist jetzt ein kleiner Kampf mit der Psyche. Wir blicken auf den nächsten Tritt und sehen an unseren Schuhen vorbei auf Autos und Häuser, so groß wie Spielzeug. Klitzekleine Punkte am Boden sind Menschen, die wahrscheinlich auch gerade zu uns hinauf sehen und uns als Punkte in der Wand erkennen.

Klettersteig Mürren-Gimmelwald

Es kribbelt. Oh ja, es kribbelt gewaltig. Selbst Lisa wird plötzlich ganz still. Immer ein Zeichen für Anspannung bei ihr. Das Gefühl von Höhe, eher eigentlich von Tiefe, von einer gähnenden Leere führt mich immer wieder an der Nase herum und lässt mich schaudern. Nichts finde ich intensiver als das Spiel damit und dem Kampf im Kopf um die Panik zu verhindern. Nach höchstens 15 Metern ist die Passage auch schon überstanden. Diese 15 Meter allerdings bleiben unvergesslich. Für mich zumindest.

Eines der Videos aus dem Netz, das diese Passage zeigt und mich schon seit langer Zeit beeindruckt:

Seilbrücken, Treppen und Himbeeren pflücken

Gleich nach diesem Abenteuer rasteten wir eine Zeit lang und genossen die Aussicht, die sich uns bot. Vor uns das tiefe Tal, dahinter die mächtig aufragenden Viertausender der Berner Alpen. Der folgende Wegabschnitt ist im Vergleich nun wieder ein Spaziergang. Einige kurze Seilbrücken und mehrere auch mal etwas längere Eisnetreppen wechseln sich ab. Zwischendurch müssen wir immer wieder kurz anhalten. Überall wachsen Himbeeren und die wollen ja auch gepflückt und vernascht werden.

Grand final: eine Hängebrücke zum Gruseln

Nach ungefähr 2 Stunden und 2 Kilometern Klettersteig erreichten wir die letzte aufregende Passage der Tour. Um hinüber zur Gondelstation zu gelangen, wo der Steig endet, muss noch eine 80 Meter lange Hängebrücke überwunden werden. Diese stellt ein letztes aufregendes Hindernis dar, weil sie extrem schaukelt und mir daher erneut das Herz etwas tiefer rutscht. Nacheinander machen wir uns auf den Weg und merken erst nach einigen Metern wie tief es eigentlich auch hier hinab geht. Gute 200 Meter würde ich schätzen, vielleicht auch mehr. Ohne groß nachzudenken überqueren wir die schmale Brücke und steigen anschließend die letzten Meter hinauf zur Gondelstation. Geschafft.

Klettersteig Mürren-Gimmelwald

 

Fazit:

Der Klettersteig Mürren-Gimmelwald ist ein bestens abgesicherter Abenteuer-Klettersteig für Jung und Alt. Er ist nicht besonders schwierig, aber hat mit der ausgesetzten Querung im Mittelteil und der finalen Hängebrücke 2 Schlüsselstellen, die für Menschen mit Höhenangst eine große Herausforderung darstellen können. Es gibt vor Ort auch eine Tyrolienne, die aber nur bei geführten Touren mit Bergführern benutzt werden kann.

Ansonsten führt die Route über 2,2 Kilometer im mittelschweren Grad bis maximal B/C entlang des tiefen Abgrunds, der oft hinter dichten Bäumen verborgen bleibt. Bei Nässe würde ich von einer Begehung aber dringend abraten, da mir die Gefahr fatal auszurutschen doch etwas zu groß scheint.

Gewaltig beeindruckend ist das Panorama trotzdem dort, wo man es zu Gesicht bekommt. Man klettert eben entlang einer der tiefsten Schluchten in den Hochalpen. Das erlebt man nicht alle Tage. Wer den Touristen-Zirkus zu ertragen weiß, der kann hier 3 kurzweilige Klettersteigstunden erleben und lernen was es heißt ein klitzekleiner Punkt in einer riesigen Felswand zu sein.

 

Zur Galerie: Alle Bilder vom Klettersteig Mürren-Gimmelwald

 

Eine ausführliche Wegbeschreibung samt gpx-Track und PDF zum Ausdrucken gibt es auf meiner Klettersteigkarte:

part of outdooractive

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4 Gedanken zum Artikel “Der Klettersteig Mürren-Gimmelwald: Adrenalin-Kick über dem 600 Meter-Abgrund

  1. Júlio sagt:

    Schön schaut das aus!

  2. Manni sagt:

    Der Klettersteig geht ja richtig ab !!!!! super

  3. schöner Bericht und schönes Video. Ich wünsche dir einen schönen Bergsommer. lg Bernd

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