Klettersteigen an der Côte d’Azur: L’Escale à Peille (D/E)

Via ferrata L'Escale, Peille

Oberhalb von Monaco, in den französischen Seealpen, fanden wir, was wir so sehnlichst gesucht hatten: steile Wände, tiefe Schluchten, Sonnenschein und savoir vivre. Der schwierigste Klettersteig der Seealpen wartete auf uns. Mit Meerblick.

 

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Eine Woche Urlaub in der letzten Augustwoche wollten wir nutzen, um endlich unsere heiß ersehnte Klettersteig-Tour in der Schweiz anzupacken. Lauterbrunnen war das seit langem auserkorene Ziel und auf den Eiger sollte es natürlich auch gehen. Doch 2013 wäre nicht 2013, hätte uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie schon öfter in diesem durchwachsenen Sommer musste also schnellstmöglich ein Alternativplan her. Für fast den gesamten Alpenraum war tristes Grau und Starkregen vorhergesagt, weshalb uns nur die Flucht nach Süden blieb. Eher zufällig stieß ich bei der kurzfristigen Recherche auf die Klettersteige des Conseil Général des Alpes Maritimes in der Provence. Und was soll ich sagen? Ein absoluter Glücksgriff!

Die kleine Reise begann mit einem Hechtsprung direkt vom Büro ins bereits bepackte Auto und einer anschließenden Fahrt nach Finale Ligure, wo wir es uns am Meer gemütlich machten und die laue Sommernacht verbrachten. Erst am nächsten Tag tingelten wir entspannt die Küste entlang, genossen den strahlenden Sonnentag und näherten uns gemächlich der Grenze zu Frankreich. Oberhalb von Monaco verließen wir dann die trubelige Küste und schlängelten uns kurvenreich hinauf in die französische Bergwelt, bis wir endlich das mittelalterliche Bergdorf Peille erreichten. Meinen nurnoch rudimentär vorhandenen Französischkenntnissen nach, sollte hier der schwierigste und gleichzeitig eindrucksvollste Klettersteig der gesamten französischen Seealpen auf uns warten.

Via ferrata L'Escale, PeilleWie, Ticket kaufen?

Auf der Suche nach der kleinen Bar L’Absinthe schlenderten wir durch die romantischen Gässchen des verwinkelten Bergdorfs. Dort wollten wir nicht etwa hin, um uns ein Glas Rotwein zu gönnen, sondern um die Tickets für die Via ferrata zu lösen. Ganz recht, die Seealpen-Klettersteige sind zwar für jedermann frei zugänglich, allerdings ist man verpflichtet, im Vorfeld dafür zu zahlen. Doch 3 € pro Nase tun nicht weh. Vor allem dann nicht, wenn man erfährt, dass das Geld zu 100 % für die regelmäßige Wartung der Steige verwendet wird.

Anfangs war ich noch etwas verwundert, doch als ich dann erlebte, in was für einem Top-Zustand der Steig ist, freundete ich mich mit dieser Herangehensweise schnell an. Mit zwei gelben Papierzettelchen (die natürlich niemand kontrollierte) in den Händen, machten wir uns also auf die Socken. Der Zustieg führte uns noch durch ein paar schmale Gassen, ein Tor sowie einige steile Treppenstufen, bis wir einen schmalen Trampelpfad erreichten, der kurvenreich durch die dichte Maccia in Richtung Einstieg, unterhalb des Örtchens, führte. Schon von weitem sahen wir das erste eindrucksvolle “Hindernis”, das auf uns wartete: Über eine tiefe Schlucht führte die erste von zwei schwankenden Hängebrücken zur Einstiegswand am gegenüberliegenden Felshang. Vorfreudig legten wir unsere Klettersachen an und zückten gespannt unsere DM-Einwegkamera, die als einziges Dokumentationsmittel den Weg mit uns nach Frankreich antrat…

Via ferrata L'Escale, Peille“Französische” Seile. Und Geländer!?

Dass der Steig wohl zu den anspruchsvolleren in Frankreich zählt, wurde uns gleich hinter der Hängebrücke klar. Senkrecht, stückweise auch mehrfach kurz überhängend, führt das Drahtseil nach oben, so dass wir schnell an Höhe gewannen. Sofort bemerkten wir die großen Unterschiede zu den uns bekannten Klettersteigen in Deutschland, Österreich und in Italien. Keines der nach oben führenden Stahlseile war so richtig auf Spannung. Stattdessen hängen die Seile zwischen den Eisenstiften locker durch und haben am Umhängepunkt eine Art Schlaufe, um die Karabiner leichter einhängen zu können.

Eine solche “französische Seilführung” habe ich bislang nur einmal an einem kurzen Teilstück des Leite-Steigs erlebt, aber eigentlich ist das auch nicht vergleichbar. Es gab aber noch mehr Unterschiede: Während bei uns – gerade in höheren Schwierigkeitsgraden – versucht wird auf künstliche Tritthilfen zu verzichten, haben die Franzosen hier satte Arbeit geleistet und salvenartig Löcher gebohrt, um unzählige Trittstiegen im Fels zu verankern. Und damit nicht genug: Neben all den Tritten und Griffen wurden an unzähligen Traversen auch noch lange Metallstangen befestigt, an denen man sich – fast wie an einem Treppengeländer – entlanghangeln kann.

Erst mal nicht unbedingt schön, nicht unbedingt nötig, aber nun ja, man ist ja Gast, daher höflich, aufgeschlossen und neugierig. Außerdem waren wir erst wenige Meter im Steig unterwegs und vielleicht hat das alles auch seinen Sinn, dachten wir uns…

Mit knapp 80 m Luft unterm Hintern querten wir die erste, stark exponierte und leicht überhängende Wandpassage bis zum ersten kleinen schattigen Rastplatz und Notausstieg. Eine Banane später ging es von hier über eine zweite, noch längere Hängebrücke hinüber in die lange und sehr sonnig Südwand dieser verspielten, aber gut fordernden Via ferrata. Der Schweiß lief uns in Strömen über die Stirn und die erste Flasche Wasser war bereits leer. Doch die schwierigsten Passagen standen uns erst noch bevor.

Via ferrata L'Escale à PeilleWir kletterten durch mittelschweres C- und D-Gelände, bis wir hinter einer Felskante das erste wirklich große Hindernis entdeckten: Das Drahtseil führt in ca. 50 m Höhe parallel den senkrechten Fels entlang, bis es plötzlich scharf nach oben abknickt, über einen satten Überhang von ca. 2,5 m Länge führt und dahinter aus unserem Sichtfeld verschindet. Es ist weniger der Überhang an sich – kräftemäßig ist das kein Problem – als die Tatsache, dass dieser in großer Höhe über dem Boden verläuft.

Die Psyche machte sich bemerkbar und sorgte so für leicht erhöhten Puls. Um nichts hochkochen zu lassen machte ich kurzen Prozess und überwand die Stelle mit einigen konzentrierten und schnellen Zügen, band oben unser neues Belay Kit ein, und sicherte Lisa beim Überwinden des Überhangs zusätzlich mit einem Sicherungsseil. Wir befanden uns nun direkt oberhalb der Passstraße, die unter uns durch einen Tunnel nach Peille führt. Wir winkten einigen interessiert zusehenden Radfahrern und machten uns auf zum Rastplatz. Mit Meerblick und Mittagssonne ließen wir uns nun etwas mehr Zeit und machten erst einmal ausgiebig Siesta.

Via ferrata L'Escale, PeilleRuinen, Höhlen, viel Stahl – und ein riesiges Netz

Ein erster schwieriger Abschnitt lag hinter uns, doch wir wussten beide, dass noch ein hartes Stück “Arbeit” vor uns lag. Gut gestärkt erklommen wir einen moderaten Anstieg und querten im Anschluss eine kurze Einseilbrücke. Doch die Brücke ist nur kurz und schnell hat man wieder Stahl unter den Füßen und Geländerstangen in der Hand. Wir kletterten – wen wundert es eigentlich überhaupt noch – stark ausgesetzt entlang der Felswand, stiegen in eine kleine Höhle ab, die samt der davor noch erkennbaren Mauerreste einst wohl als Wachposten diente, und erreichten auf der anderen Seite unsere letzte große Herausforderung der Tour.

Über unseren Köpfen erstreckte sich ein 50 m hoher Überhang, an dessen Unterseite ein knapp 20 m hohes Stahlnetz befestigt ist, das es galt emporzuklettern. Nacheinander machten wir uns auf den Weg und erklommen das eigenartige Klettersteig-Element, welches ich bereits vom Crazy Eddy her kannte, das hier jedoch mehr als doppelt so lang war und eine überhängende Felswand in großer Höhe hinaufführte. So überwindet man den Überhang, während man nach vorne gelehnt im Netz nach oben krabbelt und andauernd das Gefühl hat, nach vorne überzukippen. Ein wirklich seltsames, wenn auch sehr interessantes Gefühl.

Via ferrata L'Escale, PeilleOben muss man sich dann dann für eine von zwei möglichen Varianten entscheiden. Entweder man quert den Überhang nach rechts um eine Ecke und steigt dort steil auf, oder man folgt dem Steig weitere 15 m senkrecht die Wand hinauf, bis ein extrem ausgesetzter, sehr langer und fast irrsinniger Überhang ansetzt und auf die Spitze des Felsturms führt. Wir überlegten lange und entscheiden uns dann für die erste Variante. Zwar hätte ich mich gerne an dieser großen Herausforderung gemessen, doch trifft man im Team auch Entscheidungen, die man als Einzelner zu akzeptieren hat und die wichtiger sind als der kurze Nervenkitzel.

Also querten wir erneut in großer Höhe und kletterten die steile Wand hinauf zu einer langen Zweiseilbrücke. Deren Sicherungsseile haben die Erbauer so gewieft angebracht, dass wir beim Überschreiten quasi zu unserem Glück gezwungen wurden, und mit dem Blick ins tiefe Tal und auf das dahinter im Dunst liegende Meer gerichtet, über den Abgrund balancieren mussten. Hier ist wieder einmal im Vorteil, wer eine Affinität zu großen Höhen hat. Am anderen Ende warteten noch einige leichte Klettermeter auf uns, und nach knapp vier Stunden (inklusive langer Pausen) hatten wir das Ende des Steigs erreicht. Nun ja, fast zumindest.

Eigentlich führt hier noch eine 85 m lange Tyrolienne, eine Seilbahn, hinüber auf einen weiteren Felsvorsprung. Da wir jedoch beim Ticketkauf ganz vergaßen, eine Seilrolle auszuleihen, blieb uns diese kurzweilige Abfahrt leider verwehrt. Doch wohlwissend, dass wir am darauffolgenden Tag eine noch viel spektakulärere Seilbahnfahrt vor uns hatten, stiegen wir auch so fröhlich und ausgepowert hinunter ins Dorf und gönnten uns ein herrliches Bièrre Blonde.

Fazit:

Die Via ferrata L’Escale bei Peille gilt als der schwierigste Klettersteig der französischen Seealpen. Fast durchgängig verläuft der Klettersteig stark ausgesetzt in großer Höhe entlang senkrechter und oft auch überhängender Felspassagen und spielt dadurch bewusst mit den psychischen Ängsten der Begeher. Rational gesehen gibt es aber nichts zu befürchten. Selten bin ich einen so gut gesicherten, durchdachten und gepflegten Klettersteig gegangen wie in den Schluchten um das kleine französische Bergdorf. Kein einziger Umhängepunkt befindet sich an Stellen, an denen man lieber mit beiden Händen am Stahl hängt, anstatt mit den Karabinern zu hantieren.

Außerdem befinden sich an drei markanten Punkten Notausstiege, um überforderten Kletterern nahezu jederzeit die Möglichkeit zu bieten, den Steig zu verlassen. Die schwierigsten Passagen im letzten Teil des Steigs können sogar an mehreren Stellen umgangen werden. Entweder man umgeht das Netz und den Überhang komplett oder man quert nach dem Netz und vor dem extremen Überhang. Die Routenführung ist schön, anspruchsvoll und führt spielerisch durch die wildromantische Schlucht- und Felslandschaft rund um Peille. Die L’Escale ist Sport- und Fun-Klettersteig zugleich, ist dementsprechend beliebt und wird regelmäßig begangen.

Für Puristen und Kritiker der Klettersteig-Bewegung ist er jedoch gefundenes Fressen. Der Steig hat keinen Sinn, führt auf keinen Gipfel und hat eigentlich nicht einmal ein halbwegs sinnvolles Ziel. Hunderte von Trittstiegen und diese absurden Geländer verhindern jeglichen richtigen Felskontakt, die Brücken sind unnötig und das Netz, ja das ist auch nur ein weiteres künstliches Spaß-Element. Vele Menschen entdecken das Bergdorf nur durch die Via Ferrata und spielen so ein wenig Geld in die Kassen der Bars, Restaurants und Herbergen. Puristen wird es darunter aber wohl kaum geben.

Eine ausführliche Tourenberschreibung mit gpx-Track gibts wie immer auf meiner Klettersteig-Karte.

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