Kurz und knackig: der Steinwand Klettersteig (E) bei Arzl

Steinwand-KlettersteigFreitag Abend 18 Uhr in Sarche, 25 km nördlich des Gardasees: Zwei verschwitzte, aber sehr zufriedene Klettersteiger schlürfen gemütlich ihre RedBulls, sinnieren über die soeben vollendete Tour und blicken etwas wehmütig in Richtung Felswand. Ihr selbstauferlegtes Programm ist geschafft: zwei Jungs, zwei Länder, zwei E-Steige. Eigentlich steht ihnen nun eine lange Heimfahrt bevor, doch so richtig wollen die Beiden noch nicht nach Hause…. 

 

Stattdessen überlegen sie im Stillen, was sie vorschieben könnten, um noch ein wenig dem Alltag zu entfliehen. Endlich bricht einer das Schweigen: “Machen wir noch einen?” – “Ja, ok. Aber er sollte schon am Weg liegen, haste ‘ne Idee?” – “Klar, Mann!”

Steinwand-KlettersteigUnd so cruisten sie noch am selben Abend entspannt über den Brenner, fuhren das Inntal hinauf und hielten Kurs auf Arzl, ein kleines Nest am Tor des Pitztals. Dort wollten sie am nächsten Morgen ihren Klettersteig-Trip mit einer letzten kurzen Tour genüsslich ausklingen lassen. Dass der nur 150 m hohe Steinwand-Steig die größte Herausforderung ihrer Reise werden sollte, wussten sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Da mittags noch ein Umzug in Kempten bevorstand, galt es wieder einmal frühzeitig die Koje zu verlassen, um noch rechtzeitig als Möbelpacker parat zu stehen. Ein schneller Kaffee auf dem Gaskocher musste reichen, für Frühstück blieb keine Zeit. Ach wozu auch: Die 150 Höhenmeter würden wir locker packen und in einer Stunde wieder unten sein, noch bevor der große Hunger kommen würde. Dachten wir…

Steinwand-Klettersteig

Ganz befreit, ohne Gepäck und jeglichen Ballast, ging es durch den Wald steil hinauf in Richtung Einstieg. Obwohl kein Regen vorhergesagt war, tröpfelte es ganz leicht. “Nur mal kucken” war die Devise. Wäre der Steig zu nass gewesen, wollten wir umdrehen. Nach nicht einmal 10 Minuten hatten wir den Anfang des Stahlseils erreicht und machten uns sogleich ans Werk. Die erste Felsstufe ging locker flockig von der Hand, allerdings war der Fels doch ausgesprochen rutschig.

Wir misstrauten dem Halt der Fußtritte auf dem feuchten Stein und setzten lieber doch etwas mehr auf Armkraft. Über eine (glitschige) Holzleiter führt der Steig einen etwa 20 m hohen Aufschwung hinauf, quert dann links weg und teilt sich. Rechts führt die familienfreundliche Route eine steile Rampe hinauf und dann über zwei Leitern zum Ausstieg. Links hingegen geht es etwas knackiger daher. Über ein kurzes Gehstück direkt am Fuße der teilweise überhängenden Burgstall-Nordwand gelangt man an einen schmalen Spalt, über dem die eigentliche Kletterei für uns erst begann. Und wie. Angy Eiter-Route heißt dieser Abschnitt, der nach einer Österreichischen Kletter-Weltmeisterin benannt ist. Na Prost Mahlzeit!

Steinwand-Klettersteig


Die steile Angy

Das gute an überhängenden Felspassagen ist, dass sie schön trocken sind. Das war auch absolute Bedingung für unseren weiteren Aufstieg. Wettertechnisch hatten wir es eh schon nicht optimal erwischt und außer uns konnte sich an diesem feuchtkalten Samstagmorgen offenbar niemand dazu aufraffen, in Arzl einen Sportklettersteig zu begehen. Mutterseelenallein machten wir uns also auf in Richtung Adlerhorst, einer kleinen Panoramaplattform, die mehr oder minder direkt 80 m oberhalb über den Felsvorsprung ragte. Schnell gewannen wir an Höhe und mussten die ersten Herausforderungen meistern.

Eine steile Wandpassage erforderte kräftiges Anpacken, dann konnten wir an einer kurzen Traverse erst einmal wieder nach Luft schnappen. Vor uns, besser gesagt direkt neben uns, konnten wir den weiteren Steigverlauf verfolgen. Vertikal, teilweise überhängend führt der Steinwand-Steig nun eine Verschneidung hinauf, die sich gewaschen hat. Zwar ist diese Passage mit einigen Tritten entschärft worden, doch trotzdem wird der Abschnitt in fast allen Klettersteigführern deutlich zu lasch bewertet. Die folgenden 40 Höhenmeter des Steigs sind eindeutig E. Aber sowas von E. Fettgedruckt und mit Ausrufezeichen. E! Weder am Kaiser Max-Steig, noch am Rino Pisetta gibt es Aufschwünge dieser Güte.

Rassig, anspruchsvoll und einfach nur schön. Eine Herausforderung für jeden ambitionierten Klettersteiger und nichts für unerfahrene Einsteiger. Das soll nicht arrogant klingen (Gott bewahre, denn wenn ich eines bin, dann meilenweit entfernt von einem erfahrenen Bergsteiger), sondern davor warnen, hier seine ersten Klettersteigerfahrungen machen zu wollen.


Steig lass nach

Steinwand-KlettersteigViel Schweiß und ein zittriges Bein später machte sich das fehlende Frühstück dann doch bemerkbar. An einer schmalen Traverse hingen wir in unseren Vesperbändchen über dem Abgrund und einigten uns äußerst schnell darauf, dass wir den Steig unterschätzt hatten. Ein E-Steig, der nur 150 Höhenmeter hat, muss seine Bewertung ja irgendwie auch verdient haben. Wahrscheinlich, so war uns in diesem Augenblick klar, eben durch deutlich anspruchsvollere Passagen.

Doch noch waren wir nicht oben. Es folgte ein mutiger Spreizschritt um eine überhängende Felsnase in schwindelerregender Höhe und noch einige kurze Kraftakte, erst dann erreichten wir den erdigen Ausstieg im Wald. Der Bauch knurrte und die Kehle verlangte nach Wasser. Selten war ich so froh oben zu sein. Ein kurzer Fotostop am Adlerhorst, dann ging es auch schon an den Abstieg. Übrigens über den Normalweg. Zwischenzeitlich hatte es wieder angefangen stärker zu nieseln und so entschieden wir uns schnell gegen einen Abstieg über die leichtere Klettersteigroute.

20 Minuten später waren wir wieder am Auto und gerade einmal 90 Minuten später in Kempten. Dort erwartete mich dann die nächste große Herausforderung des Tages. Eine Waschmaschiene, 54 Stufen und ein Badezimmer im fünften Stock. Doch erstmal gab es Mettbrötchen. Oh, tat das gut.


Fazit:

Steinwand-KlettersteigDer Steinwand-Klettersteig entlang der Burgstall-Nordwand bei Arzl ist zweierlei: entweder ein leichter aber schöner Familienklettersteig im mittleren Schwierigkeitsgrad oder ein knüppelharter E-Steig für Leute, die zupacken wollen und können. Die beiden möglichen Routen treffen sich an der Aussichtsplattform Adlerhorst, weshalb man sich auch in der Gruppe trennen und wenig später oben wieder treffen kann. Es bietet sich auch an, den schweren Steig aufzusteigen und danach die leichtere Variante im Abstieg zu begehen.

An der Burgstall-Wand hat jeder seinen Spaß, wenn er nur sein Level kennt. Die links verlaufende Angy Eiter-Route ist am Zustieg zwar mit D+ ausgezeichnet, gut und gerne könnte hier aber auch ein fettes E stehen. Denn das Stahlseil verläuft oft vertikal und äußerst exponiert die Wand hinauf und ein Aufstieg erfordert viel Armkraft und wegen der vielen exponierten Passagen auch Mut. Die geringe Steighöhe von “nur” 150 Höhenmetern täuscht hier gewaltig. Wer hier klettert, sollte definitiv schon dein ein oder anderen D-Steig absolviert haben, um sich nicht hilflos in der Wand hängend wiederzufinden.

Zum Glück bietet aber auch die rechte Variante so einiges und ist gerade auch für Kinder – in Belgeitung Erwachsener – ein herausforderndes Kletterabenteuer. Dank der variablen Routen und den kurzen Zu- und Abstiegs ist der Steinwand-Klettersteig in Arzl definitiv einen Zwischenstopp wert.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es wie immer auch auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte.

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