Lang, länger, Hindelanger Klettersteig (B/C)

Am Hindelanger KlettersteigIch erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich noch in Würzburg wohnte und bei der Planung meiner nächsten Klettersteigtouren regelmäßig über den Hindelanger Klettersteig im Allgäu stolperte. Als einer der längsten und anspruchsvollsten Steige der Allgäuer Alpen beschrieben, war mir schon vor Jahren klar, dass ich diese Ferrata eines Tages gehen muss. Lange Zeit hat es gedauert, doch vor wenigen Tagen war es dann endlich soweit. Vom Gipfel des Nebelhorns ging es über den 5 km langen und äußerst zerklüfteten Grat hinüber zum Großen Daumen. Nun ja, zumindest war das der Plan. 

Da wir einerseits für diesen langen Klettersteig genügend Zeit haben wollten, andererseits – trotz bester Wetterprognosen bis zum frühen Nachmittag – ein geringes Gewitterrisiko verblieb, stiegen wir schon am Vorabend von Oberstdorf zum urigen Edmund-Probst Haus (1932 m) auf. Als die gesamte Truppe jedoch endlich in Oberstdorf eintraf, war es schon 19 Uhr, die letzte Gondel lange weg und der Himmel bald dunkel. Der Aufstieg über 1100 Höhenmeter ist mit 2,5 bis 3 h angegeben, was uns natürlich jede Chance auf ein vernünftiges Abendessen oder zumindest auf ein Hüttenbier verwehren würde.

Kurzentschlossen riefen wir also ein Taxi, dass uns – mit der entsprechenden Genehmigung ausgestattet – in vielen Kehren bis hinauf zur Station Seealpe brachte. Ab hier mussten wir dann aber selber ran und hatschten den steilen Teerweg bei nicht eingeplantem Regen bis hinauf zur Hütte. Ehe der Hüttenwirt pünktlich um 22 Uhr zum Zapfenstreich blies und den Abend für beendet erklärte, hatten wir aber bekommen, was wir wollten: Bergluft und Bier.

Wehe dem, der vor uns geht

Am Hindelanger KlettersteigDer Wecker schellte früh am Morgen und nach einem kurzen Frühstück wurde auch schon aufgesattelt, um die verbleibenden 200 Höhenmeter bis zum Einstieg zu bewältigen. Bei strahlendem Sonnenschein und der Ruhe eines erwachenden Berges fiel uns das sehr leicht, nur wenig später standen wir bereits am Gipfelkreuz. Die Aussicht vom so genannten “400 Gipfel-Panoramablick” war gigantisch. Grünten, Rubihorn, Höfats, Hoher Ifen, Mädelegabel, Großer Daumen oder Hochvogel – wohin man auch blickte, heute waren sie alle zu sehen.

Wohl wissend, dass uns dieses Panorama entlang des wilden Grats bis hinüber zum Großen Daumen erhalten bleiben würde, sahen wir zu, dass wir vorwärts kamen. Es wurde höchste Zeit, denn nur kurz darauf erreichte die erste Gondel des Tages die Bergstation am Nebelhorn. Und die war vollgepackt mit Klettersteigern, die alle in Richtung Einstieg marschierten. Um nicht vor Schlüsselstellen im Stau stecken zu bleiben, hieß es also “Tempo machen”.

Auf und nieder, immer wieder

Am Hindelanger KlettersteigDer Grat-Klettersteig führt anfangs über kurze Leitern, Aufschwünge und schroffe Felsen bis hinüber zu einem zweiten Gipfel, dem Westlichen Wengenkopf (2235 m). Von dort konnten wir den morgendlichen Stau beobachten und waren froh, da jetzt nicht drin zu stecken. Sowieso wollten wir heute kein hohes Tempo gehen sondern eher gemütlich klettern. Mit uns waren nämlich noch zwei relativ unerfahrene Mädels unterwegs, von denen eine sogar zum ersten Mal am Klettersteig stand. Trotzdem kamen wir insgesamt gut voran und nur wenige Gruppen sollten uns im Laufe des Tages noch überholen. Die Route ist aber auch nicht wirklich auf Speed-Klettersteigen ausgelegt.

Viele Felstürme werden auf der einen Seite hinauf und auf der anderen direkt wieder hinab geklettert. Dazwischen muss eine schmale und oftmals unversicherte Gratpassage überwunden werden, bevor schon der nächste Turm bezwungen werden will. Wer auch noch nach Stunden zurückblickt, der sieht immer noch deutlich den Einstieg am Nebelhorn und den Westlichen Wegenkopf. Genauso, wie auch das Kreuz am Großen Daumen, das hingegen nicht wirklich näher kommen will. Doch all das ist irrelevant. Zu viel Spaß macht die abwechslungsreiche Kletterei entlang des Nordwest-Grats über dem Retterschwanger Tal.

Immer am Grat entlang mit tollen Blicken

Technisch einfache Freikletterpassagen wechseln sich häufig mit kurzen Drahtseil-Stellen und einigen Leitern ab und sorgen so für anhaltende Kletterfreude. Insofern unterscheidet sich der Hindelanger Steig in dieser Hinsicht stark von den meisten Eisenwegen der Alpen, die doch eher vertikal in Richtung Gipfel führen. Zwischen Nebelhorn und Großer Daumen muss hingegen nur eine einzige Stelle von vielleicht 12 m Höhe in klassischer Manier überwunden werden. Dafür aber im Abstieg.

Am Hindelanger KlettersteigÜber den Östlichen Wengenkopf und die Zwiebelstränge – oberhalb des kristallblauen und noch halb zugefrorenen Koblatsees – arbeiteten wir uns langsam hinüber in Richtung Ziel, das nun erstmals deutlich näher rückte. Aber nicht alle im Team verspürten noch den Drang, im Anschluss an den Steig noch bis zum Gipfel des Großen Daumens zu wandern. Und da sich auch die ersten Wolkentürme aufbauten, entschieden wir uns kollektiv dazu, am Ende des Klettersteigs über das Geröllfeld zum See abzusteigen und dem Panoramaweg über das Koblat-Plateau bis zur Bergstation Nebelhorn zu folgen.

part of outdooractive

Einige Zeit lang herrschte Unsicherheit darüber, ob wir überhaupt noch rechtzeitig an der Nebelhornbahn ankommen würden, um noch mit der Gondel ins Tal fahren zu können. Doch schon eineinhalb Stunden später (während deren wir im Steig über uns noch viele Kletterer erspähten, die wohl definitiv die Bahn verpasst haben müssten) erstanden wir die sagenhaft teuren Tickets und schwebten über die Skisprungschanze hinunter nach Oberstdorf. Mit Biergarten, Campingplatz und einem Bad im Nieso beendeten wir schließlich diesen tollen Outdoor-Tag im Allgäu. Und sollte mir der Hindelanger Steig bei der nächsten Tourenplanung wieder ins Auge springen, dann werde ich mich an diese Tour erinnern, lächeln und vielleicht erneut losziehen. Dann aber wirklich bis zum Großen Daumen.

Fazit:

Großer Daumen hoch! Der Hindelanger Klettersteig ist ein altehrwürdiger Klettersteig-Klassiker, der – in jüngerer Zeit saniert – viel Spaß macht und bei gutem Wetter einen spitzenmäßigen Tag im Hochgebirge garantiert. Die tolle Routenführung entlang des Grats ist extrem kurzweilig und das 360°-Panorama unschlagbar. Fraglich ist einzig und allein die Sinnhaftigkeit einiger Versicherungen. Während mehrmals an wirklich leichten Stellen Drahtseile gespannt wurden, müssen einige – vergleichsweise heikle Passagen – frei geklettert werden. Doch  trotzdem ist die Tour auch für konditionsstarke Einsteiger und Kinder machbar. Diese sollten sich allerdings nur in erfahrener Begleitung auf den Weg machen. Immerhin verläuft die gesamte Strecke in alpinem Gelände, ist sehr lang und dadurch auch durchaus fordernd. Wer merkt, dass er konditionell an seine Grenzen kommt, kann aber an mehreren Stellen leicht nach Osten absteigen, auf dem Normalweg weiterlaufen oder in einer der Hütten am Nebelhorn einkehren. Bleibt nur ein einziger Wermutstropfen: die teure Gondelfahrt hinunter nach Oberstdorf. Wer hier noch kann, der läuft besser. Das ist gesünder und kommt deutlich günstiger.

Hier gibt es alle Bilder vom Hindelanger Klettersteig

 

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