Patruckel am Prüfstand: der Kaiser Max-Klettersteig (E)

Kaiser Max-KlettersteigIch habe ja schon so einiges erlebt am Klettersteig: lange Mehrtagestouren, 13-stündige Gipfelbesteigungen bei Nebel oder auch feuchtfröhliche Klammklettereien in Frankreich. Hoch hinaus ging es dabei fast immer und der ein oder andere E-Steig wurde auch schon bezwungen. Aber von der Schwierigkeit her war nach oben hin noch immer Luft. Es war also mal an der Zeit, mich meinem Limit ein wenig anzunähern… 

Und wo macht man das am besten? Richtig, an einem der schwierigsten Klettertsteige Österreichs und der gesamten Ostalpen. Zusammen mit einem Freund ging es vergangenen Donnerstag auf den Kaiser Max-Klettersteig bei Innsbruck. An der 600 m senkrecht und teilweise überhängenden Wand erwarteten uns fast 350 m extrem ausgesetzte Kletterei und schwindelerregende Tiefblicke. Technik, Armkraft, Psyche und Kondition waren hier mehr denn je gefordert. Doch am Ende der Saison sollte das doch kein Problem sein, oder? Pustekuchen.

Noch in der Nacht auf Donnerstag reisten wir nach Zirl und suchten uns ein gemütliches Schlafplätzchen nahe des Einstiegs. Genau gegenüber vom Kletterparkplatz Zirler Martinswand fanden wir ein gemütliches Eck neben einem leise surrenden Trafohäuschen und stießen zu später Stunde noch schnell mit zwei Feierabendbieren auf die bevorstehende Tour an. Respektvoll blickten wir dabei an der mächtigen Felswand empor und konnten uns kaum vorstellen, dass wir nur wenige Stunden später schwitzend darin hängen würden. Schnell ins Bett und nicht weiter drüber nachdenken!

Früh am Morgen packten wir unsere sieben Sachen, stopften das Nötigste in unsere Rucksäcke und machten uns an den Aufstieg. Gerade einmal zehn Minuten später hatten wir das robuste Stahlseil erreicht. Die Zeit war gekommen, die Prüfung konnte beginnen.

Die ersten Meter kletterten wir durch angenehm leichtes Gelände. Schräg nach links querten wir am Stahlseil leicht nach oben, bis uns eine erste schweißtreibende Steilstufe einen kleinen Vorgeschmack auf das gab, was uns später in viel, viel größerer Höhe noch erwarten sollte. Anschließend ging es eine lange Rampe hinauf, die nur kurz von einer heftigen C-Stelle unterbrochen wird, letztlich aber problemlos zu meistern ist. Das Ende des ersten von insgesamt drei Teilen ist dann eine Kraftprobe.

Eine knapp 40 m lange Steilpassage (zweimal D) über vertikale Platten und kaum künstliche Tritthilfen sorgen für beißende Armmuskulatur, ein schweißgebadetes T-Shirt und – beim Blick nach unten – einen doch deutlich erhöhten Puls. Ist diese Passage überwunden, kann man in einer kleinen Felsnische Luft holen und sich Gedanken darüber machen, ob man nicht doch lieber zur Kaiser-Max-Grotte hinüberklettert und den Steig verlässt. Denn was im zweiten Teil auf den Kletterer wartet ist alles andere als gemütliche Genusskletterei. Aber bevor wir uns dieser Entscheidung widmeten, stiegen wir erst einmal links zur Grotte hinauf und genossen bei einer kurzen Brotzeit die Aussicht über das Inntal.

Zu Gast beim Kaiser

Ihren Namen verdankt die Grotte (und daher auch der Steig) dem einstigen Kaiser Maximilian, der sich der Sage nach 1484 bei der Gamsjagd verstiegen haben soll und hier Zuflucht suchen musste, ehe ihn ein Bauernjunge nach drei Tagen und zwei Nächten aus seiner misslichen Lage befreien konnte. Glücklicherweise kann das heute nicht mehr passieren, denn die Grotte ist mittlerweile auch für Wanderer über einen gut begehbaren Pfad erreichbar. Über diesen gilt es auch abzusteigen, wenn man sich die folgenden Extrem-Klettersteig-Passagen nicht zutraut. Frisch gestärkt ging es für uns aber weiter am Stahlseil hinauf.

Kaiser Max-Grotte

Blick von der Kaiser Max-Grotte übers Inntal.


Die “100 Meter Vertikale” an der Martinswand

IMG_5635Obwohl der erste Abschnitt des Klettersteigs bereits ein astreiner D-Steig ist und wegen seiner nur äußerst selten verbauten Tritthilfen eine gute Klettertechnik verlangt, toppt der zweite Teil diesen noch um Längen. Zu Beginn führt er noch äußerst moderat – getreu dem Motto “die Ruhe vor dem Sturm” – im C-Bereich über den Spitz, eine kleine Felsnase, doch nur wenige Meter weiter ändert sich die Routenführung schlagartig. Das Stahlseil knickt abrupt ab und führt knapp 150 m senkrecht nach oben in Richtung Wandbuch. Die legendäre “100-Meter-Vertikale” zählt insgesamt sieben einzelne Abschnitte, allesamt bombenschwer und in den obersten Klettersteigschwierigkeiten verordnet:
D – D –  D/E – D/E – E – E – E.

Noch einmal warfen wir daher einen Blick auf die Topo und prägten uns die bevorstehenden Schlüsselstellen dieses Extrem-Krachers ein und legten los. Schon nach wenigen Metern fiel auf, dass sich eine gute und saubere Fußtechnik bezahlt macht. Denn künstliche Tritte suchten wir hier vergebens. Wer hier nicht in der Lage ist, auf den schmalen Felstritten Halt zu finden, um die Arme zu entlasten, der bekommt hier relativ schnell ein gewaltiges Problem.

Mit schwerem Gepäck in der Vertikalen

Bei mir lief anfangs noch alles rund und so kletterten wir konzentriert weiter. Wir durchstiegen die ersten beiden D-Stellen und machten uns gerade an zwei noch kraftraubenderen D/E-Passagen zu schaffen, als ich merkte, wie mein linker Arm so langsam nicht mehr wollte, wie er musste. Die nächsten Züge versuchte ich ihn zu schonen und noch mehr mit den Füßen sowie dem rechten Arm zu arbeiten. Doch kurz unterhalb einer markanten Nische musste ich ein erstes längeres Päuschen einlegen.

Ich klinkte meine Rastschlinge in eine der Stahlseilverankerungen und setzte mich gemütlich in meinen Gurt. Naja, so gemütlich wie es eben sein kann, wenn man in mehreren hundert Metern Höhe frei an einer Felswand baumelt. Wir schwatzten eine Weile, beobachteten den Verkehr auf der nahen und immerzu lärmenden Autobahn und stiegen dann weiter. Wir hatten ja erst die Hälfte dieser extremen Steilwand geschafft und das schwierigste Stück stand uns unmittelbar bevor. Oberhalb der Nische führt eine dreifache E-Passage – eine der wohl längsten Schlüsselstellen überhaupt – 40 Meter durchgehend hinauf zum Wandbuch.

Schweißgebadet und stöhnend erreichten wird dieses einige Zeit später und schüttelten beim Blick nach unten ungläubig den Kopf. Was wir gestern Abend noch bezweifelten, war soeben geschafft. Kaputt und auch etwas stolz trugen wir unsere Namen mit zittriger Schrift ins Buch ein.


Kein Gipfelglück

Kaiser Max-KlettersteigZwar kann man bereits am Wandbuch links ausqueren, doch das eigentliche Steigende befindet sich noch einmal knappe 40 m weiter oben. 40 schweißtreibende Meter übrigens. Ich sage nur: C/D – E – D. Erst dann ist es geschafft. Da mein linker Arm die ersten Anzeichen einer Verkrampfung zeigte, erbarmte sich mein Kletterpartner, sattelte meinen Rucksack auf und ließ mich ohne zusätzliches Gewicht am Rücken aufsteigen.

Nach knapp 450 Kletterhöhenmetern war ich darüber schon sehr dankbar und konnte die letzten Aufschwünge in Richtung Ausstieg wieder befreit und genüsslich klettern. Nach gut zweidreiviertel Stunden waren wir oben und etwas über eine Stunde später kamen wir relativ fertig aber stark euphorisiert am Auto an. Die Martinswand hatte uns so einiges abverlangt, im Gegenzug aber auch vieles gegeben. Dazu gehörte ein deftiger Muskelkater und wunderbare Erinnerungen an eine traumhafte Tour im Spätherbst 2013.


Fazit:

Kaiser Max-KlettersteigIch kann es nicht anders sagen, aber der Kaiser Max-Klettersteig ist ein Brett! Und was für eines. Knapp 450 Höhenmeter führt dieser extrem anspruchsvolle Sportklettersteig meist senkrecht die speckig-glatten Platten der Martinswand hinauf. Schon der erste Abschnitt bis zur Grotte hat es in sich und ist ein waschechter D-Steig, der viele andere, gleichermaßen eingestufte Eisenwege locker in die Tasche steckt.

Und trotzdem ist der erste Teil nur Vorgeplänkel für das, was mehrere hundert Höhenmeter weiter oben auf einen wartet. Der berühmt-berüchtigte zweite Abschnitt mit seinen schweißtreibenden E-Passagen in schwindelerregender Höhe fordert höchsten Körpereinsatz und Konzentration. Bis auf ganz wenige Ausnahmen gilt es die gesamte Route über frei am Fels und ohne künstliche Tritte und Griffe zu klettern. Viel Armkraft und eine gute Fußtechnik sind daher ein absolutes Muss, genauso wie Mut und eine gute Kondition.

Denn obwohl es auch in den unteren Bereichen sehr knackige D-Stellen zu überwinden gilt, hängt man bereits in über 300 m Höhe über dem Inntal, wenn man an die schwierigsten Passagen der gesamten Tour kommt. Und einen Rückweg gibt es nicht. Vom Anspruch her zählt er daher absolut zu den schwierigsten Klettersteigen Österreichs und auch der gesamten Ostalpen. Zu den landschaftlich eindrucksvollsten Eisenwegen gehört er hingegen nicht. Zwar ist der Blick übers Inntal hinüber zum markanten Roßkogl (2646 m) bei strahlendem Sonnenschein ein wahrer Genuss, doch trübt der immerwährende Verkehrslärm der direkt unterhalb verlaufenden Autobahn A12 die Romantik deutlich. Aber Genusskletterer sollten eh einen großen Bogen um die Martinswand machen.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es wie immer auch auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte.

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Ein Gedanke zum Artikel “Patruckel am Prüfstand: der Kaiser Max-Klettersteig (E)

  1. Sigrid Göbbel sagt:

    Des war jetzt voll die tolle Lektüre vorm Ratzen! Klingt, als hättest du nen genialen Klettertag gehabt. Cheers!

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