Steil gehen am Reinhard Schiestl-Steig (D)

Blick in die Tiefe am Schiestl-Steig im ÖtztalDarf es ein bisschen extremer sein? Zum Beispiel senkrechte Felswände, Überhänge, lange Klammernpassagen und 200 Meter Luft unter den Füßen? Der Reinhard Schiestl-Klettersteig im Ötztal bietet alles, was das Herz begehrt: Muffensausen, Zweifel, Adrenalin und pure Freude. Ein geiler Trip, der psychisch extrem fordert.

Am Parkplatz beim Reinhard-Schiestl-Steig

Lange schon hatte ich mich auf diesen Tag gefreut. Die Bilder und Videos, die ich vom Schiestl-Steig kannte, hatten mich schon lange angefixt. Dieses Brett  wollte ich unbedingt gehen und so stand er schon lange auf meiner Klettersteig-To-Do-Liste. Ein Glück, dass auch meine Jungs ein wenig verrückt sind, was unser Hobby betrifft. Nach einem kleinen Wake-Up-Programm am Leite-Klettersteig in Nassereith am frühen Morgen, erreichten wir gegen 11 Uhr den Parkplatz direkt unterhalb der steilen Felswände und blickten respektvoll auf die kleinen bunten Pünktchen, die sich hoch oben ganz langsam am Stahlseil den Fels hinaufschoben.

Erste Prüfung: Einstiegswand

Reinhard Schiestl-Klettersteig, ÖtztalIrgendwie war diesmal alles etwas anders als sonst. Normalerweise können wir es kaum abwarten, uns ins Seil zu klicken und loszuklettern. Unten am Einstieg der senkrecht nach oben verlaufenden Einstiegswand des Schiestl jedoch hatten wir plötzlich Zeit. Ich konnte es auch in den Gesichtern der Jungs ablesen: der Respekt war groß. Angst war es nicht.

Wir wissen was wir können, wo unsere Stärken und Schwächen sind, wie wir uns als Team im Steig verhalten. Doch nur zu gut konnte ich mich in die Lage versetzen, kurze Zeit später auf schmalen Tritten in schwindelerregenden Höhen über dem Abgrund zu klettern und den Wind um meine Ohren pfeifen zu hören. Nach ausgiebigen Checks unserer Gurte und Klettersteigsets ging es dann ans Eingemachte. Die Karabiner wurden eingehakt und es ging die erste Steilstufe hinauf. 50 m senkrecht bis zur ersten Zwischenrast.

Wie Hühner auf der Stange

Reinhard-Schiestl Klettersteig, ÖtztalIm Nachhinein kann ich eines mit Gewissheit sagen: Die ersten 50 Meter waren definitiv die schwersten. Nicht unbedingt kräftemäßig – der gesamte Steig fordert relativ viel Armkraft – aber psychisch. Je weiter ich aufstieg, desto irrationaler wurden meine Gedanken. Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich nicht schwindelfrei bin? Ich therapiere meine Höhenangst quasi jedes Mal aufs neue selbst und fordere sie heraus. Am ersten Absatz angekommen dachte ich für einen kurzen Moment, sie könnte gewinnen.

Und auch meine Jungs schauten schon einmal besser aus der Wäsche. An einem kleinen Felsvorsprung kauernd ließen wir ein nachsteigendes Trio vorbeiziehen, um unser eigenes Tempo ohne Druck von hinten bzw. unten gehen zu können. Die drei Kletterer – darunter ein Pärchen in den 50ern – erklommen athletisch einen kleinen Überhang und verschwanden in Windeseile aus unserem Blickfeld. Da saßen wir nun. Alleine in 100 Metern Höhe und wussten nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Und natürlich wehte der Wind. Kräftig sogar.

Ruhig, brauner

luftige Traverse am Schiestl-SteigDoch dann schaltete ich mein erfahrungsgemäß prächtig funktionierendes Abwehrsystem ein: Nicht senkrecht nach unten gucken, ruhig atmen, langsame und bedächtige Bewegungen machen und die Kletterei einfach genießen. Und siehe da, es funktionierte wieder einmal. Alles lief wie geschmiert und wir kletterten uns förmlich in einen Rausch. Der genialen Routenführung des Steigs sei Dank. Kurze Überhänge, steile Aufschwünge, extrem ausgesetzte Passagen – die man nur auf schmalsten Eisentritten hoch über dem Abgrund überwindet – und ein solides, griffiges Stahlseil. Wie im Flug verging die Zeit und ehe wir uns versahen und noch auf der Hälfte des Steigs wähnten, erreichten wir völlig überrascht aber überglücklich, euphorisiert und verschwitzt nach eineinalb Stunden den Ausstieg.

Fazit:

Ausgesetzter Quergang am Schiestl-SteigDer Reinhard Schiestl-Steig ist, wie bereits erwähnt, ein Brett. Wer nicht absolut trittsicher ist oder nicht weiß, wie er in der Höhe tickt, der hat hier nichts verloren. Obwohl fast der gesamte Steig mit zahlreichen Trittstiegen und Klemmen versehen ist, fordern die konstant entweder senkrechten, überhängenden oder extrem ausgesetzten Passagen viel Ausdauer und Armkraft. Für mich hat sich mit der Begehung des Schiestl-Steigs sogar ein kleines Klettersteig-Träumchen erfüllt. Neben meiner letzten größeren Herausforderung, der Via attrezzata Monte Albano bei Mori, steht der Schiestl bislang ganz weit oben auf der Liste meiner bisherigen Lieblings-Klettersteige.

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Ein Gedanke zum Artikel “Steil gehen am Reinhard Schiestl-Steig (D)

  1. outdooractivecom sagt:

    Hi Patrick,

    ein schöner Artikel, bei dem man – auch als Nicht-Klettersteigler – gut nachvollziehen kann, wie Ihr Euch da oben gefühlt habt. Viel Spaß weiterhin!

    Viele Grüße,

    Erika

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