Saisonauftakt an der Via Kessi (D/E)

Via KessiRechtzeitig zum meteorologischen Frühlinganfang bescherte uns Petrus das entsprechende Wetter samt wohlgefälligen Temperaturen. Beste Bedingungen, um die Klettersteig-Saison 2014 für Patruckel zu eröffnen. Klar, die schönen Hochgebirgssteige müssen noch eine ganze Weile auf sich warten lassen, doch es gibt auch eine Menge toller Eisenwege, die bereits jetzt schneefrei sind und einen spaßigen Klettersteig-Tag versprechen. So zum Beispiel die Via Kessi im Bregenzerwald. Ein relativ kurzer, dafür überaus knackiger Sportklettersteig in der mächtig überhängenden Westwand des Kapf. Ein Steig, genau nach unserem Geschmack.

Mit Sack und Pack hieß es für uns am Samstag früh aufstehen und die knapp eineinhalb Stunden runter nach Götzis südlich von Dornbirn zu heizen. Noch vor zehn Uhr erreichten wir den Parkplatz vorm geschlossenen Gasthof Spallenhof bei Meschach und machten uns bei morgendlichem Sonnenschein kletterfertig. Unser Tagesziel war die Via Kessi, einer von zwei anspruchsvollen Steigen auf den Kapf (1153 m), die laut Klettersteigführer beide ein “vertikales Abenteuer der Extraklasse” versprechen sollten. Offenbar werden die Steige oft als Rundtour gemacht, meistens links die Via Kapf hoch aufs Gipfelplateau und dann die Via Kessi wieder hinab, doch für den Anfang wollten wir es nicht übertreiben. Gemütliches Genussklettern war angesagt. Der Zustieg war dann aber gleich einmal alles andere als ein Genuss. Der steile Abstieg zum Wandfuß war ein einziges Matschfeld und die größte Herausforderung bestand darin, nicht auszurutschen und den Hang runterzupfeifen. Doch nach einer knappen halben Stunde war der Zustieg geschafft und wir standen am Fuße der eindrucksvollen Wand. Kurz hegte ich die ersten Zweifel, ob wir uns für den ersten Steig des Jahres nicht doch zu viel vorgenommen hatten. Immerhin sind beide Klettersteige satte D/E-Routen, die extrem ausgesetzt in luftiger Höhe von Überhängen durchsetzt sind. Zweifel weg, Entscheidungen wollen getroffen werden! Beide Einstiege befinden sich keine 100 Meter voneinander entfernt, doch da wir gerade so schön vor dem Stahlseil der Via Kessi standen, fiel die Wahl eben auf diesen. Ich nehme es mal vorweg: es war der Schwierigere von beiden. Doch das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht…

Auf rutschigen Tritten senkrecht nach oben

Via Kessi

Dank der Zustiegs-Schlammschlacht waren die ersten Meter auf den schmalen Metallstiften eine richtige Tortur. Wir mussten höllisch aufpassen, um nicht von den Tritten abzurutschen. Klar, dass so etwas nicht gerade zum Wohlbefinden beiträgt, wenn man daran denkt, dass noch über 100 m bezwungen werden möchten. Lisa erging es ähnlich und so drosselten wir unser Tempo und stiegen extrem vorsichtig weiter auf. Die ersten knapp 60 Höhenmeter der Via Kessi sind meines Erachtens auch die anspruchsvollsten. Bis das erste breitere Band erreicht ist, muss man eine durchgängig senkrechte Strecke mit zwei kleineren Überhängen meistern. Erst dann gibt es genug Platz, um “gemütlich” zu rasten. In weiser Voraussicht hatte ich für die Tour wieder einmal das Belay Kit im Gepäck, um Lisa in den schwierigsten Passagen zusätzlich sichern zu können. Und kurz unterhalb des breiten Bands stellte sich diese Entscheidung auch als goldrichtig heraus. Aus einer kraftraubenden D-Passage führt das Stahlseil in eine leicht überhängende Querung, auf die dann direkt ein satter Überhang (D/E) folgt. Als ich schon durch und direkt am Bandes war, rief mich Lisa zurück, die nicht weiterkam. Schnell kletterte ich zurück, um nach ihr zu sehen. Sie erklärte mir, dass es weniger die Kraft sei die ihr fehle, als die nötige Armlänge. So kam also das Belay Kit zum Einsatz und wir beide erreichten glücklich das schmale Band und genossen die Aussicht über das weite Rheintal.

Vorbei an Kessi-Loch und Zapfhahn

Wir folgten dem schmalen Band nach rechts und mussten eine fast schon unangenehm ausgesetzte Traverse passieren, die mir als “großem Lackel” deutlich schwerer fiel als ihr, die diese Aufgabe äußerst bravourös meisterte. Kurz darauf standen wir am Kessi-Loch, einer knapp 35 m hohen Gletschermühle, die wie ein Brunnenschacht senkrecht nach oben zum Plateau führt. Nun wussten wir, dass der Großteil bereits hinter uns lag. Ein letzter Kraftakt bestand aus einem knackigen Aufschwung, einer wiedermals sehr ausgesetzten Querung und schon hatten wir das “Markenzeichen” des Steigs erreicht: in knapp 100 m Höhe hängt doch tatsächlich ein Zapfhahn. Darunter die verheißungsvollen Worte “Spallenhof Bier vom Fass”. Obwohl ich bereits wusste, dass kein Bier fließen würde, zog ich am Hahn. Ach, es hätte so schön sein können… Doch auch so war das nächste Bierchen nicht weit. Ein letztes Mal hieß es fest zupacken, noch einmal volle Konzentration, dann waren die größten Schwierigkeiten geschafft. Die letzten 40 m des Steigs führen dann eine ziemlich schräge Rampe hinauf, die kurzweilig und leicht zu klettern ist. Knapp eineinhalb Stunden nach dem Einstieg hatten wir das Plateau erreicht und strahlten über beide Ohren. Klettersteig-Premiere 2014: bestanden.

Fazit:

Via KessiDie Via Kessi ist ein satter Sportklettersteig, der durchgängig in hohen Schwierigkeitsgraden die überhängenden Westabbrüche des Kapf hinaufführt. Die Route ist extrem ausgesetzt und man hat nichts außer Luft unterm Hintern. Armkraft wird auf alle Fälle benötigt, kleinere Leute können an den teilweise weit auseinander liegenden Tritten ihre Probleme bekommen, weshalb ich die Mitnahme eines Sicherungsseils empfehle. Für Einsteiger ist die Via Kessi definitiv nichts, selbst Gelegenheitskletterern würde ich den Steig nicht empfehlen. Für die bietet sich eher die nahe Via Örfla an. Wer allerdings die sportliche Herausforderung sucht und keinen allzu großen Respekt vor Höhe hat, der wird hier viel Spaß haben. Zusammen mit der benachbarten Route Via Kapf lässt sich auch eine Rundtour machen, wobei dann einer der Steige im Abstieg begangen werden muss, will man nicht erneut den unwegsamen Zustieg zum Wandfuß antreten. Ein Tipp für Erfahrene am Rande: Kletterseil mitnehmen, oben deponieren und nach dem Aufstieg von oben durch das Kessi-Loch abseilen!

Eine detaillierte Routenbeschreibung gibt es auch auf meiner Klettersteig-Karte.

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3 Gedanken zum Artikel “Saisonauftakt an der Via Kessi (D/E)

  1. Via Kessi sagt:

    Am besten mit der Via Kapf kombinieren… 50m Seil fürs Abseilen durch Kessiloch nicht vergessen!

  2. […] und machten uns an den abenteuerlichen Zustieg, den wir von unserer letztjährigen Tour über den Via Kessi Klettersteig ja schon kannten. Ein feuchter, verwurzelter und extrem rutschiger Pfad führt querend durch […]

  3. […] am Vortag fuhren wir die schmale Straße von Götzis hinauf bis hinter Meschach, um dort unsere Saisoneröffnung an der Via Kessi zu feiern. Einen Tag später bogen wir wieder in Richtung Meschach ab, doch hielten bereits nach […]

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