Via delle Bocchette (C) – der vielleicht schönste Klettersteig der Welt

Via delle BocchetteAugust, Sonne, Hitzewelle. Spätestens seit Anfang des Monats sind auch die letzten Klettersteige der Alpen begehbar. Das Daubenhorn gibt grünes Licht und auch der Laurenzi-Steig im Rosengarten hat seine diesjährige Erstbegehung hinter sich. In den Hochlagen ist der meiste Schnee gewichen und gibt auch dort die funkelnden Stahlseile preis. Die Zeit ist reif für Abenteuer. Und wer noch nicht weiß, wohin die nächste Reise gehen soll, dem sei an dieser Stelle das vielleicht schönste Klettersteig-Abenteuer Europas ans Herz gelegt. Darf ich vorstellen: die Via delle Bocchette.

Hinter diesem wohlklingenden Namen verbirgt sich eine der traumhaftesten Touren und einer der größten Klettersteig-Klassiker der Alpen. Auf vier Tagesetappen führt die Via ferrata durch die atemberaubende Bergwelt des Brentastocks und lässt – so kitschig es auch klingen mag – Klettersteig-Träume wahr werden.

Wer die Leidenschaft des Klettersteigens teilt, gerne im Hochgebirge, weit über der Baumgrenze, unterwegs ist und auf das Flair einsamer Berghütten inmitten schroffer Gebirgswelten steht, der sollte seinen Rucksack packen und sich in Richtung Madonna di Campiglio aufmachen. Bereits in den 1930er Jahren wurden oberhalb des italienischen Skisport-Mekkas die ersten Stahlseile quer durch den Brentastock geschlagen. Heute, über 80 Jahre später, zählt die Mehrtagestour auch unter erfahrenen Alpinisten zu den größten alpinen Klassikern.

In oftmals über 3000 m Höhe führt die Stahlseil-Route auf schmalen Felsbändern, entlang gähnender Abgründe und über schroffe Felsen vom Grostè-Pass im Norden, quer durch eine gigantische Felslandschaft in Richtung Süden und schließlich zurück nach Madonna di Campiglio. Die einzelnen Etappen sind klettertechnisch unterschiedlich anspruchsvoll, jedoch auch für Gelegenheits-Kletterer in Begleitung erfahrener Ferratisti machbar. Schwindelfrei sollte man aber schon sein, denn es gilt atemberaubende Tiefblicke und spektakuläre Fernsichten zu genießen, zahlreiche Scharten zu überqueren und Gipfel zu erklimmen.

Via delle BocchetteDer gesamte Weg über 31 km und knapp 6000 Höhenmeter setzt sich aus vier Einzeletappen zusammen, die jeweils auch einzeln als Tagestouren absolviert werden können. Außerdem durchziehen noch viele weitere versicherte Verbindungswege, Alternativsteige und klassische Wanderwege die Brenta. Wer aber in den Genuss dieses “Traumpfads der Alpen” kommen will, der sollte sich unbedingt die Zeit nehmen und die gesamte Tour an einem Stück gehen. Spätestens vor Ort, beim Anblick dieses faszinierenden Gebirges, wird man seine Entscheidung sonst bereuen. Und wer sich nun fragt, warum ich an der Brenta so einen Narren gefressen habe, der lehne sich jetzt zurück und genieße das folgende Video:


Über den Sentiero Alfredo Benini in Mussolinis Betten

Schon über ein Jahr ist es her, als wir nahe Madonna di Campiglio in die Seilbahn stiegen und hinauf zum Passo del Grostè auf 2446 m fuhren, wo unsere Brentadurchquerung beginnen sollte. Tagelanger Regen hatte unseren Zeitplan durchkreuzt, doch als sich eines Morgens unerwartet die Wolkendecke auftat und die Sonne herauskam, machten wir uns schnellstmöglich auf den Weg zur Gondel. Von der Bergstation führt ein steiniger Weg über ein weites Geröllfeld hinauf zu den Nordabbrüchen der Cima Grostè, wo sich die ersten Drahtseile des Sentiero Alfredo Benini befinden. Die Kletterei dieser Auftaktetappe ist nicht schwer – hauptsächlich im B-Bereich – und daher ideal zum Aufwärmen.

Sowieso hat man viel zu viel damit zu tun, die unglaublich eindrucksvolle Bergwelt auf sich wirken zu lassen. Über die vielen breiten Bänder und steilen Scharten ließen wir uns am Ende sogar so viel Zeit, dass wir es gerade noch auf den letzten Drücker zum wirklich ausgezeichneten Essen ins Rifugio Tuckett schafften. Nach einem spektakulären Sonnenuntergang mit Blick auf die hohe Adamellogruppe ging es dann auch schon in Richtung Bett. Die Bezeichnung “Bett” war allerdings nicht wirklich korrekt. Unter einer komplett verschimmelten Zimmerdecke standen 6 gänzlich durchgelegene, knarzende und ungemütliche Stockbetten, in denen wir die Nacht wie in schlecht gespannten Hängematten verbrachten. Mit ziemlicher Sicherheit wurde hier seit den 30er Jahren nichts mehr verändert. Aber gut, was solls. Ansprüche stellen is nich. (Update 2015: Mittlerweile wurden die Schlafräume im Rifugio Tuckett renoviert und sind wieder in erstklassigem Zustand.)

Auf dem Sentiero Bocchette Alte

Via delle BocchetteDer zweite Tag begann mit einem spärlichen Frühstück und einem anstrengenden Gletscheraufstieg. Da wir keine Steigeisen mitschleppen wollten, entschieden wir uns zur Sicherheit am Seil zu gehen, bis wir die Bocca del Tuckett erreicht hatten. Danach warteten einige steile Aufschwünge über stufige Felsen, nur teilweise versicherte Bänder und mehrere Schneescharten, bis wir nach mehreren Stunden die Leiter der Freundschaft am Plateau des Spallone di Massodi auf 3004 m Höhe erreichten.

Von dort führt der Weg stufig und teilweise ungesichert zu einem Band hinunter, an das ein langes, aber extrem kurzweiliges Leitern-System anschließt. Darunter teilt sich der Weg und man muss eine Entscheidung zwischen zwei unterschiedlichen Routen treffen. Links quert der Sentiero Umberto Quintavalle stark ausgesetzt eine senkrechte Felswand, führt dann über einen schmalen Grat und einige Leitern zu einem Geröllplateau, über das man zum Sfulmini Gletscher hinabsteigt und anschließend das Rifugio Alimonta erreicht.

Wir entschieden uns aber für den rechts verlaufenden Sentiero Oliva Detassis, der über ein sehr langes und teilweise überhängendes Leiternsystem entlang der Westwand des Spallone dei Massodi hinunter in einen Spalt am oberen Brentagletscher führt. Eine riesige Bergkuppe wollte anschließend noch umkurvt werden, bevor wir am späten Nachmittag glücklich und erschöpft das tolle Rifugio Alimonta, eine privat geführte Hütte mit tollem Essen, nettem Wirt und sogar richtig guten Betten, erreichten.

Endlich: die Brentabänder

Auf die dritte Tagesetappe war ich am meisten gespannt. Viel hatte ich im Vorfeld der Tour über den Sentiero Bocchette Centrale mit seinen bekannten Brentabändern gelesen und nun war ich endlich vor Ort und konnte mir ein eigenes Bild der “Königsetappe” machen. Doch zuvor galt es abermals einen Gletscher zu besteigen. Und da man dies eben am besten am frühen Morgen macht, wenn Schnee und Eis noch nicht von der wärmenden Sonne bestrahlt werden, klingelte der Wecker sehr zeitig. Doch wie immer war es das wert. Wolkenloser Himmel und die im Dämmerlicht erwachenden Berggipfel ließen uns die kurze Nacht schnell vergessen.

Die BrentabänderAn der Bocca degli Armi, oberhalb des Gletschers, beginnt dann die wohl abenteuerlichste Etappe des Bocchettewegs. Nach einem kurzen Aufschwung und einem mutigen Spreizschritt steht man auf dem ersten der vielen langen und extrem ausgesetzten Brentabänder. Die in den Dolomit geschlagenen Wege sind oftmals nur einen halben Meter breit und verlaufen hangparallel entlang der Felswände, die unter einem senkrecht bis zu 500 m tief abfallen. Schwindelfreiheit ist hier Pflicht, es sei denn die Wolken verhindern den Tiefblick.

Leider erlebten wir genau das, denn schon nach den ersten Metern wurden wir in dichtes Grau gehüllt, das erst wieder unterhalb des Campanile Basso von uns ließ. Auf einem kleinen Plateau machten wir dort Rast und bestaunten die mutigen Felskletterer, die gerade dabei waren den über 2800 m hohen Felsturm zu besteigen.

Hinter dem Campanile Basso führt der Steig auf die Westseite des Brentastocks und verläuft weiter auf ausgesetzten Bändern entlang des Massivs in Richtung Bocca die Brenta. Eine Leiter, ein Aufstieg im Blockgelände und schon sahen wir das Rifugio Pedrotti-Tosa, unsere Herberge für die kommende Nacht. Zwar war es noch früh – die Etappe ist mit Abstand die kürzeste der Tour – und ein Weitergehen zum Rifugio Apostoli wäre zeitlich durchaus noch drin gewesen, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Kurz nachdem wir die Hütte betraten fing es auch schon an wie aus Kübeln zu schütten. Und so schnell sollte sich das auch nicht mehr ändern.

Abstieg ist besser als Risiko

Am Via delle BocchetteAm Morgen des vierten Tages hatten wir schnell Gewissheit. Mit den beiden ältesten Steigen des Bocchette-Wegs, dem Sentiero Brentari und dem dell’Ideale wird es wohl nichts werden. Während wir am Vortag bei stundenlangem Monopoly-Spielen auf der Hütte noch Hoffnungen hegten, war der Abstieg nun schnell besiegelt. Das Wetter hatte sich nicht gebessert und ein Weitergehen wäre nach unserem Ermessen viel zu riskant gewesen. Die letzte Tagesetappe wartet nämlich noch einmal mit zwei Gletschern auf, wovon einer auch noch im Abstieg zu bewältigen ist. Bei Regen, Kälte, beißendem Wind und schlechter Sicht wäre das extrem unverantwortlich gewesen, weshalb wir uns schweren Herzens für den langen Abstieg durch das Val d’Agola entschieden und viele Stunden später wieder am Parkplatz der Grostè-Seilbahn standen.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download und Infos zu den Hütten gibt es auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte:

part of outdooractive

Fazit:

Die viertägige Klettersteig-Tour auf der Via delle Bocchette ist ein absoluter Traum für jeden Alpinisten. Punkt. Die gesamte Tour führt in knapp 3000 m Höhe durch das schroffe, alpine Herz des Brentastocks und erlaubt durchgängig gigantische Fern- und Tiefblicke. Die Kletterpassagen sind abwechslungsreich, eher im mittleren Schwierigkeitsbereich angesiedelt, aber auch nicht zu unterschätzen. Gerade durch die starke Ausgesetztheit der Wege kann für den Ein oder Anderen die starke psychische Belastung zum Problem werden.

Wer aber trittsicher, schwindelfrei und alpin versiert ist, der wird hier eine fantastische Zeit haben und die Ruhe genießen können. Dank der Abgeschiedenheit und der langen Zustiege sind die Wege auch im Sommer relativ leer und nur vereinzelt stößt man auf andere Gruppen. Mit denen gibt es dafür beim abendlichen Hüttenschmaus umso mehr zu bereden. Abgesehen von den Schlafräumen im Rifugio Tuckett sind auch die Hütten in bester Ordnung. Das Essen mit bis zu drei verschiedenen Auswahlmöglichkeiten je Gang ist durch die Bank vorzüglich, Aufenthalts- und Sanitärräume sind gut in Schuss und die Wirte äußerst zuvorkommend. Alles in allem stimmen die Vorzeichen in der Brenta zu einhundert Prozent. Spielt auch noch das Wetter mit, so ist er es womöglich wirklich, der schönste Klettersteig der Welt.

 

Hier gibt es alle Bilder zur Tour auf dem Bocchette-Weg.

 

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9 Gedanken zum Artikel “Via delle Bocchette (C) – der vielleicht schönste Klettersteig der Welt

  1. Andrea Wendl sagt:

    Hallo alle die den Klettersteig schon gegangen sind. Könnt ihr mir Tipps geben, was man alles dabei haben soll und muss. Von Kleidung bis zum Müsli- Riegel.

  2. Helge sagt:

    Hallo, kurze Info betreffs der Schlafräume im Rifugio Tuckett. Wir waren Anfang September 2015 für 4 Nächte in den 4 Hütten zur “Via delle Bocchette”. Alles war bestens, auch die Schlafräume des “Rifugio Tuckett” sind neu renoviert und mit Stockbetten ausgestatten.
    Alles in Allem war die Ausstattung der Hütten, die Qualität des Essens sowie die Freundlichkeit des Hüttenpersonals eine positive Überraschung.

    Gruß

    Helge

  3. Rebecca sagt:

    So, nun habe ich den Bericht der ersten beiden Tage meines Brenta-Trips online, es war wirklich eine geniale Zeit auf dem Bocchette-Weg!
    http://rebecca-abenteuerberge.blogspot.de/2014/12/sechs-tage-in-der-brenta-teil-14.html

    Was ich zu deinem Bericht noch anmerken muss: Dass ihr auf dem Gletscher das Seil benutzt habt, war eigentlich fahrlässig. Denn wenn einer rutscht, rutschen beide. Ihr wärt besser seilfrei gegangen oder hättet sichern müssen…

    Liebe Grüße

    Rebecca

  4. […] habe ja schon so einiges erlebt am Klettersteig: lange Mehrtagestouren, 13-stündige Gipfelbesteigungen bei Nebel oder auch feuchtfröhliche Klammklettereien in […]

  5. Rebecca sagt:

    Einfach nur toll – diese Tour möchte ich auch unbedingt mal machen! Habt ihr vorher alle Hütten reserviert oder seid ihr einfach so hingegangen? Und ging es einigermaßen mit den berüchtigten Schneerinnen? Ihr wart ja relativ früh in der Saison dort, wenn ich das richtig sehe.

    Gruß

    Rebecca

    • patruckel sagt:

      Hi Rebecca,
      die Hütten sollte man auf jeden Fall im Vorfeld reservieren, um den Wirten auch die Planung zu erleichtern. Die Telefonnummern findest du in der am Ende des Artikels verlinkten Tourenbeschreibung auf meiner Klettersteig-Karte. wir waren übrigens im August, da hat es aber immernoch kleine Schneerinnen, die aber gut zu queren sind. Trotzdem würde ich ein kurzes Seil (15m reicht) und je nach Monat Steigeisen mitnehmen. Mach die Tour unbedingt, es ist TRAUMHAFT! 🙂

  6. […] Auf Klettersteigen wird es immer voller. Zur Hochsaison quält man sich so manchen Steig im Schneckentempo hinauf, als stünde man am Brennerpass. Wieso sind die Eisenwege so beliebt geworden? Das mit den vielen „Schnecken“ am Eisen betrifft eigentlich nur Steige mit kurzem Zustieg, also eher die moderne Klettersteiggarten-Variante. An den großen Routen geht’s entschieden ruhiger zu, von ein paar Topsteigen mal abgesehen, z. B. der Via delle Bocchette. […]

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